Wiedersehen mit Betty

Tom Harrison (1918—2010) gehörte zum Saturday Night Club in Middlesbrough, einem spiritualistischen Zirkel, bei dem von 1946 bis 1958 durch die Medialität seiner Mutter Minnie über 1500 Mal verstorbene Angehörige und Freunde im roten Licht auftauchten, die auch berührt werden konnten. Ich habe sein Buch übersetzt und ihm den Titel Leben nach dem Tod: der schlüssige Beweis gegeben, und es liegt nun vor. Heute ein Auszug, morgen Details, übermorgen nochmal Betty: die manipogo-Ostertrilogie.

Zuweilen durften auch Gäste kommen; die Freunde drüben hatten es erlaubt. Der pensionierte Oberstleutnant Roy Dixon Smith lernte 1934 in Indien Betty und ihren Ehemann Stuart kennen. Nachdem dieser 1937 gestorben war, kamen sich Betty und Roy näher und heirateten 1939. Ihr Glück war von kurzer Dauer; 1944 schon starb Betty an einer Herzkrankheit. Roy Dixon Smith erforschte das Leben nach dem Tod und schrieb dem Saturday Night Club einen Brief. Er wurde zu einer Séance eingeladen.

Roy Dixon Smith und Betty, Abbildung aus dem genannten Buch

Der denkwürdige Abend, an dem Roy Dixon Smith Betty wiedertraf, fand am 10. Oktober 1948 statt. Der Raum war dunkel bis auf eine rote Glühbirne, die von der Decke hing. Erst ertönten Stimmen aus der Dunkelheit, und die Trompete — wichtiges Requisit bei frühen Séancen — flog umher und konnte verfolgt werden, da sie mit Leuchtstreifen beklebt war.

Roy Dixon Smith erzählte dann weiter in einem Buch: »Der Zirkelführer, der durch die Trompete sprach [Sunrise, der Indianerhäuptling], gab dann eine großartige Beschreibung von Betty ab, erwähnte ihre Größe, ihre schlanke Gestalt, ihre Schönheit; all dies waren Kennzeichen, die im Raum nur mir bekannt waren. Betty versuchte dann mit mir zu sprechen, um dann – nach einer langen, verzweifelten Anstrengungen – auszurufen, dass sie es nicht könne. Doch gelang es ihr doch, zu sagen: ’Ich bin deine Betty.’«  

Dann ging das Medium hinter einen schwarzen Vorhang in die Ecke. Die Materialisationen sollten beginnen. Fünf oder sechs verstorbene Freunde traten auf und wurden begrüßt, und sie waren wie gewohnt in einen leichten Stoff gekleidet, dem Ektoplasma, das aus dem Medium strömt. 

»Die Auftretenden waren stabil gebaut und schienen, wenn man von ihrer Kleidung absieht, ganz normale lebende Menschen zu sein. Sagen wir es so: Wäre jeder von ihnen gekleidet gewesen wie wir, — es wäre unmöglich gewesen, die materialisierten Formen von uns, dem Rest der Gesellschaft, zu unterscheiden. Ihre Hände fühlten sich vollständig natürlich und lebensecht an, und ihr Händedruck war ziemlich fest. Sie lächelten, lachten und redeten auf mich und die anderen ein; alle ihre Gesichtszüge, Hautfarben und ihr Mienenspiel waren in dem reichhaltigen Licht bestens zu sehen.«

Dann wurde es ernst. 

»Der Geistführer kündigte danach Betty an und bat uns, einen ihrer Lieblingssongs anzustimmen. Wir sangen ›I’ll Walk Beside You‹, und ungefähr in der Mitte des Lieds löste sich eine große, schlanke Figur vom Vorhang und stand still vor uns. Ich erhob mich von meinem Stuhl und ging zu der Gestalt hin, nahm die ausgestreckte Hand in die meine. Ich untersuchte die Hand, und sie war genau wie die Bettys und ganz anders als die des Mediums. Ich schaute der Gestalt ins Gesicht und erkannte meine Frau. Wir sprachen miteinander, obschon ich mich nicht erinnern kann, was das war, denn ich war so aufgewühlt wie sie, deren Stimme vor Emotionen unsicher war.« 

»›Darf er dich küssen?‹ fragte jemand, und Betty murmelte: ›Ja.‹ Ich küsste sie dann auf die Lippen, die warm, weich und menschenähnlich waren. Daraufhin neigte sie den Kopf und weinte, und einen Augenblick oder zwei danach begann sie zu sinken. Ich beobachtete, wie ihre Form hinabging bis zum Fußboden vor meinen Füßen und zerging, und ein letztes Spurenelement glitt zum Kabinett.  

Nachdem ich meinen Platz wieder eingenommen hatte, gab es eine Pause, vielleicht um mir Zeit zu geben, meine Fassung wiederzugewinnen …« Betty war wieder fort. 

 

 

 

 

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