Ein hermetischer Text

Hermetisch heißt ein Text, der sich uns nicht erschließt, der verschlossen bleibt und rätselhaft, und hermetisch dicht kann auch eine Ampulle sein. Der Ausdruck kommt natürlich von Hermes, genauso wie die Hermeneutik, das wissenschaftliche Verfahren der Auslegung eines Texts. Der Text der Tabula Smaragdina, Urtext der Alchemie, ist ein gutes Beispiel für Hermetik. Die ersten Hinweise auf die Tabula stammen aus Arabien, aus dem 8. Jahrhundert. 

1 In Wahrheit, gewiss und ohne Zweifel: Das Untere ist gleich dem Oberen und das Obere gleich dem Unteren, zu wirken die Wunder eines Dinges.
2 So wie alle Dinge aus einem und durch die Betrachtung eines einzigen hervorgegangen sind, so werden auch alle Dinge aus diesem Einen durch Abwandlung geboren.
DSCN45403 Sein Vater ist die Sonne, und seine Mutter ist der Mond. Der Wind trug es in seinem Bauche, und seine Amme ist die Erde.
4 Es ist der Vater aller Wunderwerke der ganzen Welt.
5 Seine Kraft ist vollkommen, wenn es in Erde verwandelt wird.
6 Scheide die Erde vom Feuer und das Feuer vom Groben, sanft und mit großer Vorsicht.
7 Es steigt von der Erde zum Himmel empor und kehrt von dort zur Erde zurück, auf dass es die Kraft der Oberen und der Unteren empfange. So wirst du das Licht der ganzen Welt besitzen, und alle Finsternis wird von dir weichen.
8 Das ist die Kraft aller Kräfte, denn sie siegt über alles Feine und durchdringt das Feste.
9 Also wurde die kleine Welt nach dem Vorbild der großen Welt erschaffen.
10 Daher und auf diese Weise werden wunderbare Anwendungen bewirkt.
11 Und adrum werde ich Hermes Trismegistos genannt, denn ich besitze die drei Teile der Weisheit der ganzen Welt.
12 Vollendet ist, was ich vom Werk der Sonne gesagt habe.

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Das ist aus Helmut Gebelein, Alchemie, S. 114. Der Autor schreibt dazu und betreibt damit Hermeneutik:

Jedes Ding entspringt der göttlichen Einheit, aber die Formen ändern sich dauernd, Verwandlung, Entwicklung, Transmutation sind grundlegende Lebenstatsachen, auch bei den Reaktionen in den Retorten der Alchemisten. Der dritte Satz nennt Sonne = Feuer, Mond = Wasser, Luft (Wind) und Erde, die vier Elemente als Eltern des Steins der Weisen. Doch symbolisiert die Sonne auch den Sulfur und der Mond den Merkur, also braucht es für den Stein die vier Elemente und die zwei dualen Prinzipien. Nach Satz vier ist der Stein der Weisen der »Vater aller Wunderwerke«. Satz sechs und sieben geben Beschreibungen der für das Große Werk wichtigen Prozesse der Destillation und Rückflussdestillation. Im Satz acht könnte der Alkahest angesprochen sein. Der letzte Satz schließlich, der als Variante auch »Obiges ist das ganze Werk der Sonne« lautet, bedeutet dann das Endziel des »Großen Werks«, die Transmutation zu Gold = Sonne. 

Fraglos besitzt das Kochen auch Elemente der Alchemie. Da werden Stoffe umgewandelt und verdichtet und zu etwas Neuem umgeschaffen, das schmecken soll. Das hat geistige Aspekte auch, wenn ich meinen Gästen eine Freude bereiten will, wenn sie sich wohl fühlen und freudig beisammen sind. Es wird viel gekocht heutzutage, vor allem im Fernsehen, weil das kreativ wirkt und anschaulich-körperlich zugleich; beim Fernsehen läuft das neuerdings unter Zeitdruck ab und dann kommt der Richter, der über den Geschmack entscheidet: also wieder Wettbewerb und Rekordsucht, Kleben am Äußerlichen.

Die Luxusgastronomie ist etwas Eigenes: Sie ist das Ergebnis totaler Überfeinerung (Raffinesse), gesellschaftlich hoch angesehen, aber ob der Stein der Weisen die acht Gänge waren, die wir am Silvesterabend in St. Ulrich zu uns nahmen, in den Anna-Stuben, und deren Mini-Portionen 240 Euro pro Person kosteten, steht dahin. Ein Erlebnis, sicher; aber flüchtig auch, folgenlos. Der heilige Franziskus streute, wenn das Essen ihm zu gut schmeckte, eine Portion Asche aus dem Kamin über das Gericht, weil alles Staub ist und Nahrung nur Nahrung.

 

 

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