Italien: Vor Monti ist (fast) nach Monti

Die Regierung Monti ist nun auch offiziell als ein 15 Monate dauernder Spuk zu bezeichnen. Der Professor – so einer ist anscheinend eine feste Größe im Geschäft, früher war es der lächelnde Romano Prodi – bekam mit seiner Gruppierung bei den Parlamentswahlen soeben nur rund 10 Prozent der Stimmen. Mario Monti hatte keine Chance in Italien, aber mit ihm hätte Italien noch eine Chance gehabt. Im Fernsehen wirkte er auch professoral; man verstand ihn einfach nicht.

Nun ist es eben nach Monti fast so, wie es vor den 15 Monaten Monti war. Die Linken (der Partito Democratico, PD) haben gewonnen, aber leider nicht richtig, wie es zuletzt Prodi 2006 schaffte. Das war ein Jubel, ich erinnere mich. Pierluigi Bersani sieht aus wie einer, den man schnell vergessen könnte: einer aus der endlosen Riege grauer Verwalter und Verweser, die in den vergangenen 30 Jahren Ministerpräsidenten waren. Die italienische Linke anführen, das schafft man nur mit Leidensmiene und viel Geduld. Aber die Linken haben in der Abgeordnetenkammer die absolute Mehrheit. Im Senat leider nicht, deshalb wird Regieren schwierig.   

Beppe Grillo ist Komiker, und das ist, als hätte Pocher oder Mittermaier eine Partei gegründet und auf den Plätzen des Landes gebrüllt: »In zwei Jahren kremple ich Deutschland um!« An der Grillo-Bewegung können sich die Piraten ein Beispiel nehmen. Ein guter Frontmann ist eben schon die halbe Miete: 25 Prozent. Ein Triumph. Hätte nur Monti so viel bekommen! Die Linke und Monti, das wäre ein gutes Team gewesen. Aber was die Grillos genau wollen, weiß man nicht.  

Berlusconi wirkt wie sein eigenes Zerrbild, ging in seinem vermutlich letzten Wahlkampf mit dem letzten Aufgebot und nichts als dem Versprechen, den Leuten Geld zurückzuerstatten. Ein Armutszeugnis. Es war fast gespenstisch, wie schnell seine Leute sich im Herbst 2011 aus dem Staub machten, als hätte es sie nie gegeben. Sie hatten nie etwas angepackt und hinterließen ein Vakuum. Aber ihre Verheißung auf Geld zurück, was angesichts der Armut vieler fast eine Erpressung war, zahlte sich aus, und es ist erschreckend, wie wenig Effekt die Sex-Skandale des alten, 78 Jahre alten Mannes hatten. Popolo della Libertà (PdL): 29 Prozent.   

Monti hatte damals mit seiner Techniker-Regierung Blut, Schweiß und Tränen prophezeit. Man rieb sich die Augen: Es gab Reformen! Die große Krise im Land entstand, weil der Professor ernst machte mit seiner Warnung, die Leute zum Steuernzahlen zu zwingen. Die Leute bekamen Angst vor der agenzia delle entrate, plötzlich war weniger Geld im Umlauf, was aber eher die Armen spürten als die schlauen Steuerhinterzieher. Das harte Regime wollten die Italiener aber nicht mehr: 10 Prozent für Monti. Sogar nur 9,1 Prozent im Senat.  

Ein Kommentator der FAZ empörte sich, die Hälfte der Italiener habe Parteien gewählt, die »aggressiv antieuropäisch« aufgetreten seien. Ein Alarmzeichen! Es ist indessen ein Alarmzeichen, dass Antieuropäismus Stimmen bringt.  Was bringt Europäismus? Anscheinend nichts. In Italien und Spanien sind 50 Prozent der jungen Leute arbeitslos. Große Firmen lassen in Asien produzieren und scheren sich auch nichts um Europa. Vielleicht sollte man das Unternehmen einfach abblasen und eine Weile abwarten. Man kann ja im Jahr 2057, 100 Jahre nach den römischen Verträgen, wieder einen neuen Versuch starten.   

In Italien möchte man am liebsten gleich wieder wählen. Vielleicht sollte man am besten würfeln, dann gäbe es womöglich ein klares Ergebnis.  

Wo sind eigentlich Rutelli, Casini und Fini, die Kandidaten rechts von der Mitte? Abgetaucht. Die Kommunisten spielen auch keine Rolle mehr: Wo ist der kluge Bertinotti, der seinen Namen immer Bechtinotti aussprach, mit diesem kehligen R? Damals in Rom bin ich zu meinen Rennrad-Rentnern an der Tanke, die um sechs Uhr abends immer auf ihren Stühlchen saßen, zwischen 68 und 84 Jahren alt. Ich wollte plaudern und sagte ihnen: »Ich habe viel gelesen. Jetzt verstehe ich italienische Politik schon besser.« − »Aha«, meinten die vier ironisch: »Dann erklär sie uns doch.«  

 

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