Psi-Experimente (V): Psi und die Quanten

Man kann sagen, dass ich seit 20 Jahren mit der Quantentheorie umgehe und sie auch einigermaßen begreife. Sie ist faszinierend und so anders als der Alltag, was auch das Problem ist: Denn im Alltag spielt sie keine Rolle, es ist eine Theorie für die kleinsten Teilchen des Universums, und so kann man sie leicht ignorieren. Dies ist der letzte Teil des Essays über Psi-Experimente.

In den 1980-er Jahren hatten Bücher wie Das Tao der Physik von Fritjof Capra und Der Quantensprung ist keine Hexerei von Fred Alan Wolf großen Erfolg. Die Quantentheorie, die Ende der 1920-er Jahre ausgereift dastand, schien von der Öffentlichkeit bemerkt zu werden – nicht zur Freude der Physiker, denn die Popularisierung verzerrte das, was man weiß; und man weiß, dass man wenig weiß.

Was wir jedoch wissen, ist, dass im Bereich der kleinsten Teilchen, die wir mit bloßem Auge nicht sehen können, andere Gesetze regieren als in der klassischen Physik. Es sind zwei Welten. Die Quantenwelt ist objektiv, aber objektlos; man kann die Spur von Elektronen sehen, aber nichts über sie aussagen; die Bewegungen derTeilchen sind diskontinuierlich und folgen der Wahrscheinlichkeit; Licht kann als Welle oder Teilchen auftreten. Und: Die Beobachtung ist alles: Sie entscheidet. Das Bewusstsein ist also der große »Player«. Bei uns steht im Brief ja oder nein, bevor wir ihn öffnen; in der Quantenwelt herrscht nur eine Wellenfunktion, eine Überlagerung der Möglichkeiten, ein janein.

Albert Einstein gefiel das nicht. Er meinte: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Maus das Universum nur dadurch, dass sie es betrachtet, verändern könnte.« Tiere können aber tatsächlich Beobachter sein, selbst Apparate sind es, da von Menschen gemacht, und Wissenschaftler meinen, dass die dauernde Beobachtung, verstärkt durch Rückkopplung, für die Gestalt des Universums verantwortlich ist.

Einstein hielt Elektronen für eine Art Gewehrkugeln, während der Däne Niels Bohr behauptete: Sie sind keine Objekte, bleiben nach dem Abschuss unsichtbar und tauchen am Ziel wieder auf, plopp! Einstein stellte also mit seinen Kollegen Podolsky und Rosen ein Gedankenexperiment mit zwei verkoppelten Elektronen an, die in entfernte Weltgegenden geschossen werden. Wir stellen uns dafür ein Ehepaar vor. Wenn der Mann ein rotes T-Shirt trägt, hat die Frau ein grünes an und umgekehrt. Die Frau fliegt nach Helsinki, der Mann nach Hawaii.

Wenn die Frau in Helsinki ein rotes Hemd trägt, wird der Mann auf Hawaii ein rotes tragen – oder umgekehrt; und die Überprüfung wird uns Recht geben. Als hätten sie sich abgesprochen. Das hätten sie nur mit einem Überlichtgeschwindigkeits-Signal tun können: unmöglich. Diese »geisterhafte Fernwirkung«, wie Einstein sie nannte, ist eine nicht-lokale Korrelation – eine sofortige Verbindung, bei der Entfernung keine Rolle spielt – und paradox, darum heißt das Experiment EPR-Paradoxon. Doch konnte sich der Gelehrte damit trösten, die Entscheidung sei schon vor dem Abschuss gefallen wie beim Brief: Schon bei der Abreise hätten sich die Eheleute geeinigt: du rot, ich grün. Aber: falsch.

John Stewart Bell (1928–1990) wies 1965 mit der nach ihm benannten (Bellschen) Ungleichung nach, dass man bei der Abreise einfach nicht wissen kann, wer welches Hemd trägt; dies ist in der quantenphysikalischen Beschreibung nicht eingeschlossen. Solange man nicht hinschaut, herrscht eine »Superposition«, die Überlagerung beider Zustände – also grünrot, vielleicht gestreift oder kariert. Die Beobachtung erst führt zum »Zusammenbruch der Wellenfunktion« und zur Festlegung. Die Bellsche Ungleichung sagt also, dass die Welt im tiefsten Grunde nicht-lokal ist, nicht kausal, nicht festgelegt, »verschmiert«, verschwommen, in ihren Möglichkeiten zitternd. Alle Möglichkeiten sind gleichzeitig potenziell vorhanden.

Wir könnten sogar sagen, diese Worte hier seien, bevor sie jemand liest, unklares, undefiniertes Material. Erst wenn eine Leserin oder ein Leser hinschaut, entscheidet sich ihr Sinn, fangen sie an zu leben. Oder: Quantenwellen sind wie literarische Charaktere, die außerhalb ihrer Beschreibung nicht existieren und dennoch leben.

Quantenphysik und Systemtheorie machen sich auch in der Parapsychologie geltend. Die alte Ansicht, dass es sich bei Telepathie und Psychokinese um »Einflüsse« oder »Signale« handle, war unhaltbar geworden.

Psi-Phänomene als nichtlokale Korrelationen

Ein neuer Ansatz fasst Mensch und Maschine zu einem System zusammen. Das Verhalten eines solchen »nichtklassischen« Systems hängt von der Beobachtung ab, und in diesem System kommt es zu erstaunlichen »Zufällen«, den nichtlokalen Korrelationen: Psi-Phänomene. Dem Zufall kann man nachhelfen. Bei einem Freiburger Versuch konnten die Teilnehmer mit Knopfdruck den nächsten Zufallsschub starten; sie konnten dies mit der linken oder rechten Hand tun. Aufgabe des ersten Zyklus war es, ein Band auf einer Grafik in die Mitte zu rücken, im zweiten, es in der Mitte zu halten, im dritten, es nach oben zu schieben. Bald merken die Versuchspersonen (durch das sofortige Feedback), was bei ihnen besser funktioniert.

Eine Abweichung vom Erwartungswert hieße, dass das Ergebnis nur durch Psi zustande gekommen sein konnte. Doch wie funktioniert dieses Psi, wie holen wir es heraus? Bei der neuen Korrelationstheorie ist das unmöglich. Das System ist dauernd in Bewegung und versucht, die Verschränkung oder Verbindung aufrecht zu erhalten. Wenn ein Kanal geschlossen ist, wird ein anderer ausprobiert. Joseph McMoneagle, ein begabter Hellseher, hat geschrieben, dass die Fernwahrnehmung alle Arten von Informationen benutzt, die verfügbar sind. »Wenn keine Informationslinie durch Telepathie verfügbar ist, schaut sie woanders hin.«

Walter von Lucadou rät für künftige Experimente, die Verbindung zwischen Mensch und Maschine nicht durch zu auffällige Beobachtung zu stören. Zudem sollte man viele Korrelationen untersuchen. Vielleicht kann man doch herausfinden, was »erfolgreiche« Teilnehmer anders gemacht haben als weniger erfolgreiche?

Lucadou und seine Mitautoren definieren den Menschen als eines der kleinsten Systeme. Wenn er Kopfschmerzen bekommt, nachdem er über den Kopfschmerz gelesen hat, wäre dies eine nichtlokale Korrelation. Das Poltergeist-Phänomen wäre die Verlängerung in die Außenwelt.  Größere Systeme bestehen aus mehreren Menschen oder aus Mensch und Maschine, und das grösste anzunehmende System wäre die Menschheit. Nichtlokale Korrelationen könnten, meinen Lucadou, Römer und Atmanspacher, für plötzlich an verschiedenen Orten auftauchende Erfindungen, neue Kunststile oder Massenbewegungen verantwortlich sein. »Synchronistische Verschränkungskorrelationen« könnten ziemlich spektakulär sein und kausal wirken, doch dieser Effekt verschwinde, meinen die Autoren, »wenn man versucht, ihn zu bestätigen, um die Statistik zu verbessern und ihn wiederholt«. Das sei wiederum der Absinkungseffekt.

Wir blicken zurück. Was haben wir? Die amerikanische Autorin Stacy Horn fasst zusammen: »Vor einem dreiviertel Jahrhundert bewiesen die Wissenschaftler der Duke-Universität wiederholt die Existenz einer Gruppe von Anomalien, die sie als ›Außersinnliche Wahrnehmung‹ bezeichneten. Seit damals ist es der wissenschaftlichen ›Community‹ weder gelungen, sie überzeugend zu widerlegen noch mit einer plausiblen alternativen Erklärung dafür herauszurücken. Leider ist es der Parapsychologie auch nicht gelungen, eine entscheidende Erhellung zu bieten. Patt.«

Sind nichtlokale Korrelationen wirklich eine bessere Erklärung als Telepathie oder Geister? Jede Epoche hat ihre Zauberformeln. Der amerikanische Forscher James H. Hyslop meinte 1919: »Wir sollten lieber Telepathie durch Geister wegerklären als Geister durch die Telepathie, wie es der populäre Skeptizismus gerne tut.« Geister sind auch nur Menschen; sie haben ja einmal gelebt und melden sich vielleicht wieder, verständnisvoll und durch die Schleier hindurch. Ihnen ist der allerletzte Essay vorbehalten: Da geht es um Jenseitsforschung.  

 

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