Rückkehr ins Leben (16): Die Schamanin im Totenreich

Zu Angeles Arrien fielen mir andere Ethnologinnen ein … Margaret Mead, Edith Turner und Felicitas Goodman (1914-2005). Von ihr habe ich einmal »Where the Spirits Ride the Wind« gelesen, das 1990 erschienen ist. Einige spannende Auszüge daraus (heute, am Tag der Frau).

Felicitas Goodman war in Ungarn geboren. Ihre 30 schamanischen Posituren hatte ich einmal vorgestellt, lest es nach. In einem Buch habe ich Zitate aus dem Buch gefunden, die folgen jetzt.

Über die Geister schrieb Felicitas Goodman:

20231228_164823… sie sind um so vieles weiser als wir. Sie wissen etwas, das wir im Westen nur allzu oft vergessen haben, nämlich dass die gewöhnliche Realität und die andere Realität zusammengehören. Sie sind die zwei Hälften eines Ganzen. Sie müssen wir zusammenbringen: nur das bringt eine komplette Welt zustande und eine Welt, in der zu leben es wert ist. Die Existenz der Menschen ist leer ohne die Geister, und ihre wäre ebenfalls unvollständig, würde sie nicht uns und die Welt um uns her mit einbeziehen. In diesem Sinn brauchen sie uns, obwohl sie so viel mächtiger sind als wir.

Nun folgt eine dramatische Reise. Eine Schamanin übernimmt die Arbeit des Fährmanns Charon, der in der griechischen Antike die Toten über den Fluss Styx rudert.

DSCN5039Eine der wichtigsten Aufgaben der Schamanin ist es, die Seelen der Verstorbenen zu heilen, die in einem Kokon stecken und in einem Boot in die Unterwelt befördert werden, in das Reich der Toten. Unmittelbar nach dem Tod ist die Seele noch beschwert mit irdischen Belangen, und die Schamanin Pij findet das Rudern unerträglich hart. Nach einer Zeit verlässt sie ihre Kraft. Die Seele, die sich noch nicht an den Gedanken gewöhnt hat, für immer die Lebenden verlassen zu müssen, nützt die Schwächeperiode der Schamanin aus, verwandelt sich in Fischknochen und versucht zu entkommen.

20231123_091916Dies darf nicht geschehen, denn die Geister der kürzlich Gestorbenen bringen den Lebenden Krankheit und Unglück. Um ihre Kraft zu erneuern, lässt sich die Schamanin in die Tiefe sinken: in den Canyon ihrer Kindheit. Der ermutigende Aufenthalt dauert eine lange Zeit, doch schließlich steigt sie aus dem Canyon auf und tanzt in den Straßen. Die magische Strategie funktioniert, die Straße verwandelt sich in den Fluss, und die Aufgabe wird erfüllt: Der Kokon fällt von der Seele ab wie beim Schmetterling. Alle feiern, weil der oder die Tote erfolgreich ins Heim der abgeschiedenen Seelen gebracht werden konnte.

Die Schamanin indessen hat sich im Totenreich aufgehalten und muss sich nun einem Ritual von Tod und Neugeburt unterziehen, bevor sie ins Land der Lebenden zurückkehren kann.

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