Beim Abendessen

Wenn ich mit Rad und Zelt unterwegs bin, habe ich keinen Gaskocher dabei. Ich gehe abends in ein Lokal. Angekommen am Campingplatz, wird geduscht, die Jeans angezogen, und dann geht es zum Essen. Es kann auch Kebab sein. Der Hunger treibt mich hinaus – und hinein ins Leben.

Am dritten Tag meiner Frankreich-Reise suchte ich in Vias einen einfachen Campingplatz, nicht einen Fünf-Sterne-Platz mit eleganter Rezeption. Zwei kamen in Frage: Helios und Le Navarre. Ich fuhr zum Navarre, weil es näher lag. Der Campingplatzchef sah gleich sympathisch aus. Jean-Luc. Er sprach von einem »repas«, einer Mahlzeit also, die geplant sei, ein Abendessen mit 65 Teilnehmern: 15 Euro. Na gut. Lange Tische standen da, die Teilnehmer brachten ihre Teller und Gläser selber mit, und gleich gab’s einen Aperitif, und alle sangen das Campingplatz-Lied (es war bald Saisonschluss, drei Tage später).  

Links von mir saß Michelle, rechts Michel, ein Paar aus Paris (ohne Auto). Es waren alle Franzosen von 50+, und es waren einfache Leute, die gern trinken und reden und lachen und gern zusammen sind. Ich war sozusagen der Ehrengast. Michelle war klein und dick, aber strahlte so eine Herzlichkeit aus, dass ich noch Strunden neben ihr hätte sitzen mögen. Ein Holländer namens Johan schenkte Michel und mir je eine goldene Rennradkette, die im Laden 70 Euro kostet. Man trank (zu viel), es wurde getanzt, und dann war man traurig, als es um Mitternacht ans Sich-Verabschieden ging.  

Ein paar Tage später, in Saintes-Maries-de-la-Mer, lief ich unschlüssig in der Stadt herum. Ich wollte nicht viel Geld ausgeben: ein Sandwich vielleicht. Stand plötzlich in einem Imbiss, den ein junger Kubaner betreute. Er machte ein paar Essen fertig, dann suchte er im Computer herum, und ich stand so herum. Zum Haus nebenan kam ein Nordafrikaner mit einer Pizza und pfiff, ein halbnackter Nordafrikaner warf ihm vom Balkon den Schlüssel herunter, und der Pizzamann ging ins Haus. Zwei andere junge Nordafrikaner fragten eine Frau, wo’s das gute Cous-Cous gäbe. Der Laden habe zugemacht, sagte die Frau. Die beiden kannten den Kubaner und schauten auch in den Computer.  

Dann erschien ein Mann, der homosexuell wirkte: starkes Parfum und zwei kleine weiße Hunde an der Leine, die er übertrieben liebkoste. Eine Freundin kam hinzu und liebkoste die Hunde auch, vielleicht waren es ihre. Ein Afrikaner mit Rucksack konsultierte den Computer, und irgendwann bequemte sich der Kubaner dann auch, mich zu fragen, was ich eigentlich wolle, und er bereitete mir mein Sandwich zu. Alles eine Familie, dachte ich mir. Schön.  

Am letzten Abend dann, in Dijon, ging ich in einen Kebabladen in der Nähe des Bahnhofs. Drei Türken arbeiteten angestrengt und hektisch, der Mann, der die Bestellung aufnahm, wollte wissen, wo ich herkäme und wie alt ich sei. Es war laut, Techno mit tiefen Bässen und auf der Leinwand die üblichen dicken Neger, behängt mit Ketten und umschmeichelt von Super-Blondinen, und Schwarzafrikaner kamen zum Essenfassen, ein Chinesenmädchen holte sich ein Wasser, ein Amerikaner schob sich rasch etwas in den Mund, Techno dröhnte, und draußen schob sich immer mal wieder eine dieser lächerlich pinkfarbenen Trams der Stadt Dijon vorbei.  

Wow, da war Leben und Adrenalin! Die Paare, die sich auf dem Campingplatz ihre Lidl-Steaks braten und zum deutschen Fernsehen Dosenbier trinken, wissen gar nicht, was sie verpassen.

 

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