Perdita

Heute Abend um 19.30 Uhr liest die australische Autorin Gail Jones im Literaturhaus Hamburg am Schwanenwik 38 aus ihrem Buch Ein Sonntag in Sydney, das vergangenen Sommer bei der Edition Nautilus erschien. (Nichts wie hin, Renate!) Solche nachrichtlich klare Sätze habe ich zu meiner Hamburger dpa-Zeit verfasst, am Mittelweg, auf der gegenüberliegenden (linken) Seite der Außenalster.

Am Boden lag das Buch Perdita von Gail Jones, 2008 bei Nautilus herausgekommen. Ich fing an und kam nicht mehr davon los. Die australische Autorin, 1955 geboren, erzählt souverän. Das wirkt alles poetisch und mühelos, dabei ist es ein klug konstruiertes Buch mit vielen Ebenen. Perdita ist ein Mädchen, das bei einem seltsamen englischen Paar (er will Forscher sein, ist aber nur ein abweisender Sonderling; sie rezitiert andauernd Shakespeare) im australischen Busch aufwächst und die Geschichte erzählt, mal in Ich-Form, mal in sie-Form. −Im Original heißt das Buch Sorry, und die Autorin schildert uns in einem Nachwort, dass 1997 der australische Premierminister dieses Wort (Verzeihung) gegenüber den Ureinwohnern nicht aussprechen wollte. »Das Publikum erhob sich und kehrte dem Premierminister den Rücken zu, um ihn schweigend zu beschämen.« John Howard wollte sich nie dafür entschuldigen, dass Tausende Kinder aus ihren Aborigine- und Torres-Strait-Insulaner-Familien entfernt worden waren. Erst der Premierminister Kevin Rudd sprach das Wort sorry am 13. Feburar 2008 aus. Am 26. Mai wird in Australien der National Sorry Day begangen und des Unrechts gedacht. (Foto: Gail Jones, aufgenommen von Jan Schenck; Edition Nautilus)

Im Buch ist es Mary, die als kleines Kind seiner Aborigine-Familie entrissen und in einem Kloster untergebracht wurde. Stella, Perditas Mutter, kommt in für ein halbes Jahr in eine psychiatrische Klinik, und Mary, 18 Jahre alt, kümmert sich um die Kleine und wird ihr zur treuen Freundin. Von ihr lernt sie viel. Beide sitzen sie manchmal in der verwahrlosten Hütte, jede in ein Buch vertieft, und es sind himmlische Stunden für sie. Perdita ist auch ein Buch über das Lesen und den Zauber, in den einen Literatur versenkt. Menschen, die dasselbe gelesen haben, sind einander verbunden, meint Mary.  

Wir lesen viele Shakespeare-Verse, und Perdita ist sogar eine Figur bei ihm … Sie ist im Wintermärchen (The Winter’s Tale) die Tochter von König Leontes, der seine Gattin Hermione zu Unrecht verstößt; das Kind lässt er fortbringen, doch 16 Jahre später wird alles offenbar, und Perdita verzaubert alle mit ihrem Charme und ihrer Anmut. Wegen Perdita habe ich das Stück nun zwischendurch endlich gelesen, und wunderbar, wie Doktor Oblov, Perditas Arzt, seine Liebe zu dem großen Bühnenautor bekennt und sagt: »So russisch, dieser Herr Shakespeare.« 

Den Arzt braucht die elfährige Perdita, als sie bei Pflegeeltern in Perth lebt und nur mehr stottern kann. Seit ihr Vater vor ihren Augen erstochen wurde, bringt sie keinen richtigen Satz mehr heraus. Die Lage war unklar, ihr Vater hatte Mary wohl Gewalt angetan und wurde von ihr getötet … und Mary landet in der Jugendstrafanstalt. Irgendwo gibt es auch eine Szene, wo das Wort sorry nicht fällt und fallen hätte sollen. Wenn ich es recht bedenke, gibt es viele Situationen im Leben, wo wir uns entschuldigen sollten … und es nicht tun.

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