Ungarn 1999

Unser Treffen der Freunde alter Räder ist in Ungarn und beginnt bald. Ich bin nun doch nicht dorthin unterwegs, wie ich wollte, da diverse Dinge mich davon abhielten, und so liest man hier etwas über Ungarn!

Da lag ein Buch über das moderne ungarische Theater herum, und ich nahm es mit. Es war von 1999, als Ungarn Gastland bei der Frankfurter Buchmesse war (und Goethe hatte 250. Geburtstag, und ich hatte da auch eine Wohnung und hielt mich oft in Frankfurt auf). Zsuzsa Radnóti schreibt in einem Beitrag des Buches über die  dramatische Geschichte Ungarns, Budapest sei um 1900 zu einer europäischen Metropole herangereift, zu einem Wunder.

Der Erste Weltkrieg zerstörte alles. Österreich-Ungarn zerfiel. Doch Budapest sollte eine zweite goldene Epoche erleben: nach dem blutig von den Sowjets niedergeschlagenen Aufstand von 1956. 1968 marschierte die Sowjetunion  in die Tschechoslowakei ein, und damit setzte eine schwere Krise der Linken ein, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Kommunismus unterstützt hatten.

Nun ging es im Theater nicht mehr um bürgerliche Themen wie Anfang des 20. Jahrhunderts, sondern um den Verrat an den Idealen und die Enttäuschung der Linken. »Die Frage kam auf: Wie kann man in einer Gesellschaft leben, deren ideologische Verderbtheit und selbstherrliche Ignoranz nicht mehr zu übersehen sind?« Es ging auf den Bühnen um moralischen Bankrott, um Selbsthass und die Freiheit. Von Ende der 1960-er Jahre bis Mitte der 1980-er Jahre war das Theater eine Instanz.

Frau Radnóti beschreibt das mit treffenden Worten: »All dies wurde in einer Art doppeltem Sprechen verpackt, in Metaphern und Parabeln, und das aufmerksame Publikum verstand alles. Eine schöne gemeinsame Verschwörung kam zwischen dem Text, der Bühne und dem Auditorium zustande; alle und jeder gehörten zu dieser großen mächtigen Gemeinschaft. Dies multiplizierte den Wert jedes einzelnen auf der Bühne gesprochenen Wortes, und diese andauernde kollektive Verschwörung machte das Theater so gefährlich für jene, die an der Macht waren.«

Dann kam die Befreiung, 1989, nunmehr vor fast 25 Jahren. Der gemeinsame Widerstand entfiel. Das Wort verlor an Kraft, das Theater wurde individuell, anarchisch, entfesselt. Seither kann man kaum mehr einen Trend ausmachen: anything goes. In einem Stück, das 1999 Erfolg hatte, löscht ein Mann mit der Axt seine Familie aus, um an ihr Geld zu kommen. Fortan ging es um andere Werte.

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