Effizienz

Neulich hielt ich mich in den Räumen einer großen Freiburger Praxis zwei Stunden auf, für einen vierminütigen Netto-Kontakt mit Radiologiefrau und Arzt. Der Patient kommt vom lateinischen patiens, geduldig. Das lernst du hier.

Dass man wohin geschickt wird und da eine Viertelstunde sitzt, dass es heißt »der Doktor kommt gleich«, und dann kommt er nach einer Viertelstunde, ist ja nicht so schlimm. Aber dass man mit Eiseskälte und kurz und knapp abgehalftert wird, das ist schlimm. Plötzlich merkte ich, dass der Vorwurf Mensch als Maschine, gerichtet an die Schulmedizin, stimmt.

Letztes Jahr bei einer MRT-Untersuchung in Freiburg, wurde mir knapp beschieden, ich solle mich so oder so hinlegen, dann kam ich in das Büro einer blonden coolen Ärztin, die auf Bilder an der Wand wies und sagte: »Das haben Sie.« Dann drückte sie mir die Bilder im Kuvert in die Hand und ich war entlassen.

In der großen Praxis war ich richtig in der Krise, lief auf und ab und konnte mich nicht beruhigen. Hat aber keinen interessiert. Ich fühlte mich wie in einem Reich der Untoten, der Automaten. Die blonde Frau mit den Bildern sagte zu jedem »Ich nehme Sie jetzt zum Röntgen mit« und fragte dann »Sind Sie bei uns schon mal geröntgt worden?«, und später sagte mir eine andere, ältere Blondine, auf die Bilder weisend, »Sie haben das«, der Arzt rauschte herein, gab mir die Hand und bestätigte die Diagnose und gab mir einen Kontrolltermin und weg war er.

Die Frau legte den Verband an und sonderte ein paar militärisch klingende Anweisungen ab. Fertig. Abgefertigt. Nicht mal ein Lächeln, nicht die Andeutung einer Aufmunterung, nichts. Nur gnadenlose Professionalität und sparsame Gesten und Worte.

… Aber dann war ich nochmals dort, und dann war’s angenehmer. Die Blonde lächelte auch. Weil ich entspannter war. Ich lebte in einer anderen Welt. Natürlich, das ist das Subjektive an Berichten, plötzlich hatte ich das Gefühl, ungerecht gewesen zu sein …

Schon letztes Jahr in einer Klinik in Bad Krozingen war das so, und als ein Arzt es wagte, etwas Positives zum Heilverlauf zu sagen, konterte der nächste gleich mit der Drohung »Aber das wird lange dauern«. Irgendwie sind Ärzte Sadisten und nützen ihre Macht aus.

Placebo ist ja mein Thema. Die Selbstheilung wird am besten von menschlicher Zuwendung begleitet. Klar, ein Knochenbruch oder ein Sehnenriss heilt auch ohne ein Lächeln, aber was kostet es, einen Menschen menschlich zu behandeln? Man könnte zynisch werden und sagen: Wo sie nett zu dir sind, geht’s ums Geld oder haben die Mitarbeiter die Anweisung, zu lächeln. Die Leute sind auch nett zueinander, wo’s um nichts geht.

Ja, wenn man im Gesundheitswesen schon keine Wärme findet, wo dann? Was nützt es uns, dass alles bestens funktioniert, wenn die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt? Wir hatten doch viele warmherzige Ärztinnen und Ärzte, und wie haben sie noch. Sie sind irgendwo. Sie müssen nicht Albert Schweitzer oder Mutter Teresa sein, aber einem mal die Hand auf die Schulter legen und sagen: Das wird schon wieder.

Vielleicht sind die großen Kliniken und das Fließbandsystem der Fehler.  Wenn man dann tausende Knochen- und Gelenksdefekte gesehen hat, könnte man abstumpfen. Dann wechselt man jedoch besser den Job oder geht als Arzt aufs Land. 

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