Tranceformers

Ich fuhr kürzlich Samstag vor Mitternacht auf dem Radweg zwischen Zunzingen und Britzingen und kam an einer erleuchteten Hütte vorbei, die eher ein Unterstand war. Dumpfe, pochende Musik klang daraus hervor. Die Jungen machen Party, dachte ich, sie chillen und begeben sich in Trance; sie sind womöglich die Tranceformer der Zukunft, sie verändern die Welt!

Tranceformers ist der Titel eines Buchs von John Jay Harper (1951-2010) aus dem Jahr 2002, der in zehn Jahren Hunderte Bücher von Mystikern, Quantenphysikern und Gurus gelesen hatte. Er kam zu dem Schluss: Gemeinsam ist allen die Trance. Sie verbindet Geist und Materie, die bloß verdichteter Geist ist; sie bringt uns in Kontakt mit unserem Höheren Selbst, denn wir sind aus Einer Hand, sind Ein Wesen, Klone des Allerhöchsten, der durch uns sich selbst erforscht und betrachtet.

Trance-Tanz: mein großes Geburtstagsfest, 2007, Landsberg am Lech

Unsere Aufgabe ist es, unsere Energie zu befreien, uns von unserem Egoismus zu befreien, diese Erde zum Guten umzugestalten. Die Sonne und das Licht sind gleichbedeutend mit Gott, und der Mensch ist ein elektromagnetisches Wesen, seine DNS besteht aus metallenen Kristallen, deren Magnetismus uns belebt und verbindet. (Es ist das Buch eines Begeisterten, voll gepackt mit Inhalten, und so ist man geblendet und betört und kann nicht mehr klar denken.)

Harper schreibt auch, das Universum sei eine unendliche Serie von Vibrationen, die musikalisch klingen. Lamas, die Lehrer der östlichen Tradition, würden daher auch »Klangmeister« (masters of sound) genannt.

Die Trance. Ja. Die Wirkung der Rockmusik mit ihren elektrischen Gitarren und den übermächtigen drums, die schon vor zweitausend Jahren Menschen zum Tanzen und in die Trance brachten, kommt mir nun ganz logisch vor. Rock peitscht einen auf. Aber er ist noch zu engstirnig und monoman. Rockmusik wird wie eine Salve auf die Zuhörer abgefeuert und hat diese öden Liebes- und Verzweiflungstexte, die Leute, die dann zu Stars wurden, vom Blues klauten.

Rockkonzert

Dann kam 1988 aus Ibiza die House-Bewegung, die ich schön früh journalistisch in Features für die Presseagentur dpa aufgriff. Das war elektronische Musik ohne Gesang, etwas wie ein Klangteppich oder eine Klangwolke, ein Kraftwerk mit nicht endenden Kaskaden, orchestriert von einem Diskjockey, einem Guru der Trance. Es hat gedauert, doch nun gehen junge Leute zu Festivals wie Nature oder See You, bei denen Dutzende DeeJays auf Dutzenden Bühnen an Sommertagen electronic beats über die Menge schwirren lassen. Eine friedliche Atmosphäre herrscht, in der alle tanzen. Der Rhythmus regiert und bewegt die Körper. Bilder und Gedanken und der flow, nicht Wörter und Texte und Denken. Es ist die Musik dieser Online- und Multitasking-Zeit und verbindet die Menschen wie Facebook und Twitter.

Mein Neffe Steffen, 24 Jahre alt, geht zu solchen Festivals. Man könnte sagen, es sei eine unpolitische Musik, die nichts besser macht. Aber: die Trance. Sie ist ein wichtiges Instrument. Sie bringt uns manchmal in Verbindung mit uns selbst und erzeugt vielleicht etwas Neues. Reformen bringen nichts, lehrte Krishnamurti; du selbst musst dich ändern, dann wird alles gut und wie von selbst. Die Trance ist ein mächtiger Katalysator, der vielleicht nicht die Gesellschaft verändert, aber allmählich den einzelnen. Lasst uns diese Hoffnung!

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