Handy am Steuer: teuer

In Bari, der Hauptstadt Apuliens, sind seit Anfang August Patrouillen in Zivil unterwegs, um Autofahrer zu bestrafen, die beim Fahren ihr Handy benutzen. Denn anscheinend war die Frau, die die 18-jährige Radfahrerin Giorgia Soriano Anfang August rammte, durch ihr mobiles Telefon abgelenkt. Giorgia knallte mit dem Kopf auf den Asphalt. Sie starb zwei Tage später im Krankenhaus.

Wie La Repubblica am 14. August schrieb, stellte die Stadtpolizei zwei Motorradteams und ein Auto ab, um in der 300.000-Einwohner-Stadt Jagd auf Handy-Nutzer am Steuer zu machen. Wer erwischt wird, zahlt 161 Euro und erhält 5 Strafpunkte. »Wenn wir mit offiziellen Fahrzeugen und Blaulicht auftauchen, versenken die Leute sofort ihr Handy«, sagte General Michele Palumbo. »Deshalb haben wir daran gedacht, drei Patrouillen in Zivil auszusenden, um Autofahrer zu überraschen.« An Ferragosto, dem 15. August, wurden sogar 192 Beamte eingesetzt, um die Kontrollen zu intensivieren, doch an dem Festtag ging es auch um Geschwindigkeitsübertretungen und den Alkohol.

093944688-ea343772-f5fb-48aa-bc59-8b95aadf91cdGiorgia Soriano war auf dem Nachhauseweg nach Santo Spirito, als auf einem Straßenstück, auf dem schnell gefahren wird, ein Auto sie von hinten anfuhr. (Foto aus ihrem Facebook-Account, publiziert von La Repubblica)

Das gehört zum »Tod durch Texten«, wie ich ein Kapitel in meinem Fomo-Buch  genannt habe. Ein Auszug daraus:

Ein Knopfdruck kann schon einer zuviel sein: Smartphones am Steuer sind zur Unfallursache Nummer Eins geworden. Im Nachbarland Österreich wurden die Unfallursachen Geschwindigkeitsüberschreitung und Alkohol bereits vor einigen Jahren durch die Smartphone-Ablenkung während der Fahrt abgelöst. Man geht von jährlich 500 Verkehrstoten bei 25.000 Verletzten in Deutschland allein durch das Thema Ablenkung am Steuer aus. Schon ohne Ablenkung beherrscht der Mensch ja sein tonnenschweres Fahrzeug nicht richtig; 1970, als es keine Sicherheitsgurte und Airbags gab, starben 20.0000 Menschen auf deutschen Straßen. In den vergangenen Jahren sank die Opferzahl bei einer Vervielfachung der Zahl der Auomobile drastisch, und man dachte, sie auf 2.000 senken zu können – bis die Kommunikationslust einen Strich durch die Rechnung machte. Texten kann töten.  

Jährliche Online-Umfragen bestätigen, dass über 70 Prozent der Befragten das Smartphone während der Fahrt nutzen. Von ihnen gestehen 19 Prozent, dass sie das Handy regelmäßig während der Fahrt nutzen (Stand: September 2017). Egal ob man nun eine kurze SMS verfasst, ein Selfie macht oder sogar E-Mails während der Fahrt liest, eine kurze Ablenkung kann tödlich enden.

Man sieht natürlich auch Radfahrer, die beim Fahren Blicke auf ihr Smartphone werfen. Fußgänger trödeln dahin und schauen auf ihr Gerät. Kann alles gutgehen; aber im anspruchsollen Straßenverkehr, durch den man ein tonnenschweres Gefährt lenkt, geht es nicht immer gut, und dann sterben Menschen. Aus Tod durch Texten:

Der große Filmregisseur Werner Herzog machte 2013 einen 35-Minuten-Film über  die tödlichen Folgen der Smartphone-Abhängigkeit. Er heißt From One Second to the Next und ist im Internet auf Englisch verfügbar. Der Film sollte an den amerikanischen Schulen gezeigt werden, als Warnung vor texting and driving. (…) Xavier ist nun acht und gelähmt von der Brust abwärts. Eine Frau textete etwas und fuhr ihn ungebremst mit dem Auto nieder, riss ihn von der Hand seiner Schwester. Der Schulbesuch, jeder Handgriff, alles ist unglaublich mühsam, und keine Hoffnung auf Besserung gibt es. Debbie steht da und schaut den Booten zu, sie kann den Hof nicht verlassen. Eine Fahrerin rammte die Frau, als sie ihren Hund ausführte. Früher war sie weltweit unterwegs, eine aktive Frau, und es breche ihr das Herz, sagt ihre Schwester, sie jetzt so zu sehen. Die Behandlung hat schon über eine Million Dollar gekostet. Die Fahrerin wurde zu 30 Tagen Gefängnis und 5 Monaten Hausarrest verurteilt.  

Chandell saß am Steuer seines Vans und textete I Love You an seine Frau, und eine Sekunde später rammte er von hinten das Pferdefuhrwerk mit einer Amish-Familie, und die Mutter und ihre beiden Kinder wurden hinausgeschleudert und starben. Vater Martin schrieb dem Fahrer, der immer wieder aufwacht und alles für einen bösen Traum hält, später einen versöhnlichen Brief. Megan hat Reggie auch vergeben. Sie ist die Tochter eines Mannes, der durch Reggie sein Leben verlor, weil dieser etwas schrieb, ein Auto streifte, das dadurch auf die andere Straßenseite geriet. Zwei Männer starben so, und einer war Megans Vater, der mit ihr immer den Sternenhimmel betrachtete.  

In Italien sterben 300 Radfahrer jedes Jahr – La Repubblica berechnete: alle 32 Stunden stirbt einer. Was diese dummen Zahlen uns sagen sollen. Am 15. August um 15 Uhr wurde bei Agliano (Asti) der Mailänder Staatsanwalt Marcello Musso auf dem Rad von einem Autofahrer getötet. Der 67-jährige Beamte war auf Ferien in Agliano und befand sich nicht weit vom Haus seiner Eltern. Übrigens ist auch in Deutschland die Zahl der getöteten Radfahrer gestiegen, ganz gegen den Trend. Die Autofahrern in ihren rollenden Panzern sind ja bestens gesichert und oft unbedarft. Wir, die Radler, sind Freiwild.

 

 

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