Das Heilritual heilt
In meinen Aufzeichnungen zum Placebo-Effekt las ich vor einiger Zeit wieder, dass das »Verum« (das angeblich Wahre: Pharmakon, Pille, Tablette, Spritze) nur zu 50 Prozent für die Heilung verantwortlich ist. Die zweite Hälfte erledigt der Placebo-Effekt oder besser die Selbstheilung, die durchs Ritual des Pilleschluckens angeregt wird. Harald Walach hat noch bessere Zahlen!
Walach, der viele Jahre Professor für Kompkementärmedizin war und ein großer Statistik-Fachmann ist, veröffentlichte Anfang Januar eine Meta-Analyse zum Placebo-Effekt, also eine Analyse von bereits vorliegenden Daten. Er schrieb (in seinem Blog am 8. Januar) über die Vorgängerstudie:
Die Datenbasis ist eine Sammlung von 144 doppelblinden, Placebo-kontrollierten Studien irgendwelcher pharmakologischer Substanzen bei irgendwelchen Krankheiten.
Einschlusskriterien waren: Langzeitstudien von mehr als 12 Wochen Dauer, pharmakologische Intervention und Placebo als Kontrolle. Erstes Ergebnis (der ersten Studie):
Wann immer eine Studie einen hohen Behandlungseffekt hatte, war der Behandlungseffekt in der Placebogruppe ebenfalls hoch (oder umgekehrt). Wann immer eine Studie keinen hohen Behandlungseffekt hatte, war der Effekt in der Placebogruppe auch niedrig.
Die Korrelation betrug .78. Das ist sehr hoch.
Nun wollte man dieses Ergebnis wiederholen. Die Forschergruppe entschied sich für 5 Krankheitsbilder: Arthrose, Migräne, Schlafstörungen, Depressionen, Reizdarm. Für jede Krankheit suchte man sich 30 ähnliche Studien heraus. Nun könnte man als Kitiker einwenden: Das sind ja Diagnosen, in denen die Psyche eine Rolle spielt, es sind keine richtig manifesten Krankheiten. Stimmt. Doch Selbstheilung (der Placebo-Effekt) lässt sich hier gut beobachten. Bei einem Tumor, einem Bruch oder einem Herzleiden werden wir auch Selbstheilung beobachten, aber in geringerem Maße; da ist die Medizin äußerst wichtig, das wissen wir ja. Hier ging es eben um Pillen und Tabletten, und es tat sich viel.
Harald Walachs Zusammenfassung:
Wir können also folgern: Die Korrelation zwischen Verum und Placebo ist kein Artefakt. Placeboeffekte in solchen Studien sind nicht einfach ein Resultat der statistischen Regression zur Mitte, der natürlichen Tendenz der Krankheit, sich zu verändern, oder Folge schlechter Studienqualität oder unterschiedlicher Krankheitsentitäten.
Vielmehr ist diese Korrelation robust, und Placebo- und Behandlungserfolge in einer Studie sind sehr hoch miteinander korreliert. Vielleicht sind solche Studien einfach sehr potente Heilrituale, so wie alle Heilrituale seit schamanischen Zeiten potent sind und die Selbstheilungseffekte anregen?
Jedenfalls ist die häufig verbreitete Meinung, es seien die spezifischen Wirkungen von Arzneien, die den Hauptanteil einer therapeutischen Wirkung tragen, falsch. Wir können mit unseren Regressionsgleichungen 72 % der Varianz aufklären. Anders ausgedrückt: maximal 28 % des Effektes, vermutlich eher weniger, gehen auf die pharmazeutische Substanz zurück. Der Rest ist die Folge eines Heilrituals.
Das Verum wird bei diesen Krankheitsbildern überschätzt. Es trägt weniger als 50 Prozent zum Heilerfolg bei. Dass die Pille nicht alles ist, sollten wir uns merken. Unser Körper ist ein Wunder, die Selbstheilung funktioniert!