Telefonanrufe (3)

Dieser dritte Teil hat mich selbst überrascht. In dem Roman Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk erwähnt Jaroslav Hašek eine Episode, die zum Telefon-Muster passt. So ist das, wenn einen geistig etwas umtreibt: Dann kommt das Material wie von selbst herbei. Und mir fiel das Telephone Book von Avital Ronell ein, und da hat sie ein paar Aussagen drin, die hier nicht fehlen dürfen.

Es ist keine schöne Geschichte, etwas widerstrebend setze ich sie hierher, aber sie kann uns auch belehren. Es ist eine der vielen hundert Anekdoten, die der brave Schwejk auf Lager hat und sie jedem erzählt, der sich nicht energisch wehrt. Schwejk stopft sich also eine Pfeife, steckt sie an und erzählt:

Vor Jahren gab es in Zittau einen Stationsvorstand namens Wagner. Der war ein Leuteschinder zu seinen Untergebenen und hat sie sekkiert (drangsaliert), wo er konnt, und am meisten hat er sich auf einen gewissen Weichenwärter Jungwirt verlegt, bis sich der Arme aus Verzweiflung im Fluss ertränkt hat. Bevor er das aber gemacht hat, hat er dem Stationsvorstand einen Brief geschrieben, dass er in der Nacht bei ihm spuken wird. Aber ich lüg Ihnen nicht. Er hats ausgeführt. Der liebe Vorstand sitzt in der Nacht beim Telegrafenapparat, die Glocken ertönen, und der liebe Vorstand nimmt ein Telegramm in Empfang: »Wie geht’s dir, gemeiner Kerl? Jungwirt.« Die ganze Woche hats gedauert, und der Vorstand hat angefangen, nach allen Seiten Diensttelegramme zu schicken, als Antwort auf das Gespenst: »Verzeih mir, Jungwirt.« Und in der Nacht drauf hat ihm der Apparat die folgende Antwort geklopft: »Häng dich auf dem Semaphor von der Brücke auf, Jungwirt.« Und der Herr Vorstand hat gefolgt. Dann hat man den Telegrafisten von der Station Zittau eingesperrt. Sehn Sie, es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen wir nicht mal eine Ahnung ham. 

Das Letzte ist ein Hamlet-Zitat, eines der berühmtesten. Wenn wir die Geschichte ernst nehmen, könnten wir vermuten, dass das Unbewusste des Stationsvorstand sich meldete und ihm seine Schuld vor Augen führte. Möglich. Doch er war ja ein Leuteschinder ohne großes Gewissen, wieso sollte ihn plötzlich Reue überkommen? Die nackte Angst überkam ihn ja, als er die Zeilen las. War Jungwirt der Urheber?

Mir fällt dazu ein, dass manche Psychiater (sehr, sehr wenige) es für denkbar hielten, dass die Stimmen, die Patienten befahlen, das eine oder andere Böse zu tun, von niederen Geistern stammen könnten. Emanuel Swedenborg schrieb dazu 1759 in Himmel und Hölle (249.):

… und die bösen Geister sind so, dass sie einen tödlichen Hass auf den Menschen haben und nichts sehnlichster wünschen, als ihn nach Seele und Leib zu verderben, was auch wirklich bei denjenigen geschieht, die den Phantasien viel nachgehängt haben …

Hatten wir dieses Motiv nicht schon einmal? Im Stuttgart-Tatort vom November und im Polizeiruf 110? Jemand will andere in den Selbstmord treiben? Das ist schon in dieser Welt ein dämonischer Einfall.

Das Telefon kam noch vor 100 Jahren vielen unheimlich vor, und der deutsche Philosoph Martin Heidegger zog den Begriff Unheimlichkeit heran, da ja körperlose Stimmen zu uns Kontakt aufnehmen. Man müsse reagieren, sei herausgefordert und mit dem Bewusstsein da draußen, insofern gehöre das Telefon zur Struktur eines Nicht-zuhause-zu-sein oder des Gefühls, aus sich selbst vertrieben zu sein.

Denn man muss auf die Stimme reagieren, die einem zeigt, dass man sich immer einen Schritt voraus ist, dass man ein potenzielles Sein besitzt, zu Möglichkeiten unterwegs ist, und während vieles in der Schwebe bleibt, fordert dich die Stimme heraus und spricht von Schuld. Philosophen sind um große Worte nie verlegen. Heute gilt der spontane Telefonanruf fast als etwas Übergriffiges; man schreibt eine What’s App oder fragt: Darf ich dich anrufen? Man will keine Überraschungen. Manchmal würde man gern angerufen werden. Doch der Mensch, auf den man wartet, schweigt.

 

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