Der Fremde
Schwierig, von den paranormalen Telefonanrufen wieder in die normale Welt hinunterzukommen. Sprechen wir mal wieder von einem Film. Anfang Januar sah ich in München Der Fremde von François Ozon, der die Vorlage von Albert Camus neu inszeniert hat. Visconti hat das 1967 bereits gemacht, mit Marcello Mastroianni. Das ist die Messlatte.
Ozon hat glänzend bestanden. Die beiden Verfilmungen sind in Szenenfolge und Dialogen fast identisch, weil beide Regisseure getreu der Vorlage folgten. Luchino Visconti (1906-1976) drehte in Farbe, die unterlegte Musik ist deutlich und beredt, und da ist Marcello Mastroianni, dessen treuherziger Blick und fröhlicher Gestus dem finsteren Meursault nicht ganz gerecht werden. Und wir haben zudem aus dem Off seine Stimme mit Erläuterungen, die ihn den Zuschauern nahebringen.
François Ozon hat hingegen in Schwarz-Weiß gedreht, der Film wirkt wie ein historisches Dokument. Nichts wird aus dem Off erklärt, Benjamin Voisin spielt den Meursault hart und wortkarg, und so ist Ozon mit seinem düsteren Film vielleicht näher an der Intention des Autors Camus.
Algerien 1940. Da gibt es anscheinend nur Franzosen, die Araber sind Nebendarsteller. Der junge Mann arbeitet für eine Versicherung, hat eine Freundin und auch Sex mit ihr, und wenn sie ihn fragt, ob sie heiraten wollen, sagt er: »Wenn du meinst.« Er wirkt, als sei ihm alles egal. Nichts hat Bedeutung. An Gott glaubt er nicht. Dann, am Strand, hat er zufällig eine Pistole bei sich, und da liegt ein Araber, der ihn zu bedrohen scheint, und er feuert fünf Schüsse auf ihn ab. Vor Gericht zeigt er keine Emotionen. Es sei zufällig passiert, vielleicht die Sonne, sie habe ihn geblendet … Er wird zum Tod verurteilt.
Vor Gericht wirft man ihm vor, er habe seine Mutter ins Altenheim geschickt, bei ihrer Beerdigung nicht geweint und am Tag darauf eine Beziehung angefangen. Als sei er dadurch schuldig. Die Tat ist bei Camus zufällig geschehen, wie er die Hauptfigur sagen lässt, und auch das Opfer ist zufällig, und nur bei Ozon wird kurz seiner gedacht. Als ginge es nur um die Enttarnung bürgerlichen Denkens; aber ist die Ermordung eines Mitmenschen schon Ausdruck von Freiheit und ein gelebter Protest? Eine solche Tat ist immer ein Tabubruch, Dostojewski lässt in Schuld und Sühne (oder Verbrechen und Strafe, ein neuerer Titel) Raskolnikow eine Pfandleiherin und ihre Assistentin umbringen, immerhin spürt er Gewissensbisse.
»Mamma è morta« hören wir bei Visconti die Stimme des Protagonisten. Seine Mutter ist gestorben. Er fährt also mit dem Bus zur Bestattung. – Beim Herumlesen in der Sydney Review of Books fand ich einen älteren Essay (April 2020) von Annamaria Jagose und Lee Wallace, der Mother Courage hieß, nach dem Brecht-Stück. Es ging um Pflege im Altenheim, interessierte mich, und plötzlich war das Fremde da.
Was wir an unseren Müttern beobachteten und was sie vielleicht auch bemerkten, war, dass sie, während man sie in ihrer Intimität und gleichzeitig unpersönlich pflegte, sich selbst zu Fremden wurden. Dieser Prozess führte sie immer weiter weg vom Familiären, also von dem Familienstatus, den sie uns und unseren Zwillingen auferlegten, die nun sich selbst einen Sinn abgewinnen müssen in einer Welt ohne sie. Dieser unerträgliche Zustand wird nur möglich, weil unsere Mütter in eine Welt von Fremden gebracht wurden und in dieser Situation gepflegt werden, die keine kommunikative oder gegenseitige Enthüllung des Selbst verlangt. Wir betreten diese Welt und verlassen sie als Fremde. Vielleicht ist es diese Wahrheit, die die Familie maskiert.
Der Literatur-Nobelpreisträger von 1957 hatte als junger Mann das Buch Der glückliche Tod verfasst, der ihn zu dem Fremden inspirierte. Da heißt der Held genauso, Meursault (Meer und Sonne, Mer/sol), und er tötet am Anfang einen Mann, der nicht mehr leben wollte und stirbt am Ende selbst, seinen Tod akzeptierend. Wie am Ende des Fremden leuchtet durch alles eine Freude am Leben hindurch, diesem Geschenk, das uns glücklich machen kann, trotz allem.
Warum verfilmt jemand heute den Fremden? Gibt es Menschen, die emotionslos und routiniert ihr Leben abspulen, als bedeute es nichts? Es gibt freilich viel stille Verzweiflung inmitten des Wahnsinns der Social Media, viel Isolation, und wir hören zudem fast stündlich, wie Machthaber ihre Untertanen töten und andere ihr Land neu positionieren, um ihre Macht auf andere Länder auszudehnen. Andere (in Iran) töten wahllos Studentinnen und Studenten, um ihre Macht zu sichern. Alles sinnlos und auch irgendwie zufällig. Warum tun sie das? Wo liegt der Sinn? Manchmal fühlt man sich allem entfremdet, doch die Welt kümmert es nicht, sie zeigt uns ihre »zärtliche Gleichgültigkeit«, wie Camus schrieb.


