Die heiligen Unschuldigen Kinder

Heute begeht die katholische Kirche den Tag der Unschuldigen Kinder. König Herodes soll seinerzeit, des prophetischen Spruchs vom künftigen König Israels eingedenk, alle männlichen Kleinkinder bis zu zwei Jahren töten haben lassen. Es gibt dafür aber keine geschichtlichen Belege. Auf diesen Feiertag brachte mich ein französischer Roman aus dem Jahr 2004.

Für die israelischen Angriffe auf den Gaza-Streifen gibt es sehr wohl Belege. In den Jahren 2024 und dieses Jahr starben 70.000 Palästinenser im Bombenhagel, und 20.000 von ihnen waren Kinder. Unschuldige Kinder. Niemand spricht sie heilig. Die Weltpresse schwieg weitgehend. Man meint, wegen der weitgehenden Streichung der US-Entwicklungshilfegelder (USAID) würden 50.000 bis 60.000 Kinder sterben.

Die Kirche reihte die Kinder, die Herodes angeblich abschlachten hatte lassen, als Märtyrer ein. Das Bild rechts ist von Guido Reni (1575-1642) und heißt Massaker an Unschuldigen. In meinem alten Schott von 1938 steht:

Mit den sich im Sterben für Christus opfernden unschuldigen Kindern entziehen auch wir uns in ernstem Opferwillen den Schlingen der Welt, Satans, des Fleisches, und wenden uns dem Altare, das heißt Christus, zu. 

War es ihre Entscheidung, sich zu opfern? – Der Herr ließ vor 3000 Jahren Manna vom Himmel regnen, um sein Volk in der Wüste zu nähren; und in den Jahren 2024 und 2025 ließen dessen Nachkommen Bomben regnen, um ein Volk zu dezimieren, wozu man sagte, man wolle die Hamas dezimieren, die mit einer grausamen Aktion einen Vorwand dazu geliefert hatte.

Israel bekommt weiter Waffen, und Trump wollte Netanjahu von Korruptionsvorwürfen befreit sehen, doch was ist schon Korruption, gemessen an 20.000 toten unschuldigen Kindern?

Bei manipogo war vor 3 Wochen nur noch der 28. Dezember frei. Ich griff zu einem kleinen Roman, der noch fertiggelesen werden wollte, und da stand es: Der Erzähler ist an einem 28. Dezember geboren, die Kinder werden erwähnt. Das Buch heißt Eine Liebe ohne Widerstand und wurde geschrieben von Gilles Rozier (1963 geboren). Er lässt einen Franzosen erzählen. Die Deutschen haben sein Land erobert (1940 war das) und machen sich breit. Der Franzose liebt die deutsche Literatur: Heine, Thomas Mann, Rilke. Er baut sich einen Verschlag im Keller und zieht sich dorthin zurück, um zu lesen. Hans-Joachim ist ein guter Freund, der diese Liebe teilt.

Der Erzähler verliert Hans-Joachim aus den Augen, und dann bringt er einen Juden, Herman, in seinem Keller unter, der – was für eine Fügung! – auch deutsche Bücher liebt. Er liest sie auf Jiddisch und Hebräisch. Sie verlieben sich ineinander. Und haben viel Zeit: Über zwei Jahre wird Herman bei ihm im Keller hausen. Eine leidenschaftliche Liebe zwischen ihnen entsteht, während oben ein SS-Mann systematisch Anne »bumst«, die Schwester des Erzählers.

Auf dem Umschlag des Buches, erschienen bei btb (Verlagsgruppe Random House), sehen wir einen Akkordeonspieler und daneben eine glücklich lachende Frau. Aber diese Frau, so wurde ich (von einer Frau) belehrt, ist ein verkleideter Mann. Sehen nur Frauen das? Mit diesem Trick hat man es vermieden, zwei Männer zeigen zu müssen, um die Leser nicht abzuschrecken. Doch irgendwie: Etikettenschwindel.

Weiter hinten im Buch ist alles vorbei. Der Erzähler ist seit 20 Jahren pensioniert und kein Lehrer mehr. Ich denke, der Autor (Rozier) wollte einen Mitläufer schildern, einen korrekten Menschen, den die Liebe heimsucht, der aber auch derb und zynisch sein kann. Er fragt sich selber: Warum habe er den »Kellerjuden« versteckt, war er bloß egoistisch? All dieses Argumentieren gegen sich selbst, weil eine homoerotische Liebe gesellschaftlich nur schwerlich akzeptiert wird. Doch es war eine große Liebe, das gibt er zu.

Dann wird er wieder klar. Der Erzähler denkt, die Kinder des SS-Mannes würden irgendwann erfahren, dass

ihr Vater zur deutschen Elite gehörte, zur Herrenrasse, gute Familienväter, mustergültige Ehemänner, die Juden zu Tausenden mit einer Kugel in den Nacken am Rand einer Grube töteten, zu diesen Helden, die Feuer an eine Kirche legten, nachdem sie die ganze Bevölkerung darin eingesperrt hatten, um ihren Nachkommen eine strahlende Zukunft in einer von Unrat gereinigten Welt zu sichern, und sich ein gutes, frisches Bier leisteten, wenn sie nach einem harten Arbeitstag nach Hause kamen. 

Man habe mit den Juden diesen »philologischen Bastard« beseitigen wollen, dieses »zu andere Andere«. – Die Palästinenser hat man 1946 von ihrem Land vertrieben, und auch jetzt stören sie, dabei sind Arabisch und Hebräisch verwandt. Es ergeht ihnen wie den australischen Ureinwohnern und den amerikanischen Indianern, die man wegjagte und in Reservate sperrte, weil die Eroberer sich breitmachen wollten.

Doch die ermordeten unschuldigen Kinder wird man nie vergessen machen können.

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Der Tod in Venedig von Thomas Mann hatte der Erzähler 1930 in Heidelberg erworben; es ist sein Lieblingsbuch. Nach der Liebe zu Knaben bei den alten Griechen, die gesellschaftlich akzeptiert war, hat es kaum mehr Bücher mit Liebe unter Männern gegeben, zumindest fällt mir keines ein. Der Professor Aschenbach sieht in Venedig den jungen Polen Tadzio und verliebt sich in ihn, verliert seine Würde und stirbt schließlich am Typhus.

Wikipedia nennt noch Tonio Kröger und Der Zauberberg von Thomas Mann, beide angeblich »reich an homoseuellem Subtext«, Querelle von Jean Genet und Die Falschmünzer von André Gide,  Der Tod in Rom von Wolfgang Koeppen und 1979 von Christian Kracht. Die Wikipedia-Seite führt auch literarische Werke über die Liebe zwischen Frauen auf.

 

 

 

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