Ein gewöhnliches Leben

Wenn Karel Čapek ein Buch mit dem Titel Ein gewöhnliches Leben schreibt wie geschehen 1934, dann kann man sicher sein, dass es  ungewöhnlich wird. Der Tscheche, der von 1890 bis 1938 lebte, war einer der größten Autoren seines Landes. Hungrig habe ich die 130 Seiten verschlungen und war wieder bezaubert von seiner Prosa. Am 29. Dezember 1938 hat man ihn begraben.

Herr Popel denkt an seinen Nachbarn, der gestorben ist mit noch nicht mal siebzig Jahren, und der Doktor hört ihn an und wirft dann ein, der Tote, dessen Namen nie genannt wird, habe ein Manuskript hinterlassen über sein Leben. (Links und rechts Bilder vom Grab Čapeks auf dem Vysehrad; nicht mal 50 ist er geworden.) Das bekommen wir also zu lesen. Der junge Mann war interessiert an der Dichtkunst, wurde dann aber Eisenbahner und betreute einige Bahnhöfe, zuletzt einen ganz kleinen, den er perfekt herrichtete. Der Verstorbene war verheiratet ohne Kinder und wurde nach dem Krieg Beamter, ein höherer noch dazu. Mehr müssen wir nicht wissen. Es liest sich gut. Doch dann, nach 70 Seiten, schreibt der Autor seiner Autobiografie plötzlich:

Mir ist immer, als unterschiede ich zwei Stimmen, die sich streiten, als ob sich zwei Menschen um meine Vergangenheit zanken und jedes ein möglichst großes Stück an sich reißen will.

Nun wird es ein Dialog. Manche Entscheidungen des Herrn werden hinterfragt und durchleuchtet; eine Art moralischer Lebensrückblick entsteht. Und sein Gesprächspartner analysiert sein Leben. Da war das gewöhnliche Ich und der Ellbogenmann, der Karriere machen wollte; da war der Hypochonder, neben ihm der Abenteurer oder Held; auch der Romantiker steckte in ihm drin und der Dichter; schließlich noch der Frauenheld mit schrägen sexuellen Vorlieben und der Bettler an der Kirchentür: Damit sind wir bei 8 Unterpersönlichkeiten. Die meisten würden im Vollzug ihres Lebens sterben (hätten sie die Oberhand behalten), meint der Autor, nur der Bettler bliebe am Leben. Diese Unterpersönlichkeiten könnten auch Reinkarations-Personen sein: frühere Leben.

Manche Stellen wirken sehr modern und gleichzeitig irgendwie getragen.

Sagen wir, ein Mensch ist etwas wie eine Schar von Menschen. … Mein Gott, so eine Schar, es ist ja im Grunde ein Drama! Die ganze Zeit ficht es in uns und trägt seinen ewigen Streit aus. Jede dieser führenden Personen möchte sich des ganzen Lebens bemächtigen, will im Recht sein und das anerkannte Ich werden. 

Da denken wir an Plotin, an die Multiplen Persönlichkeiten und an Jaspers und Menninger, alle unten in den Links vertreten. Heute sollte man sie konsultieren! Und dieses gewöhnliche Leben war vielleicht eine Komposition von vielen Autoren, eine Collage, ein Potpourri! Das Leben?

Das war nicht ich, das waren wir. Du weißt gar nicht, was du gelebt hast., Mensch, du weißt gar nicht, was du alles gelebt hast!

Und wieviel Anderes wäre noch möglich gewesen! Und was ist in Parallel-Universen geschehen? Es ist unermesslich.

Čapek holt noch weiter aus:

Jeder von uns ist ein Wir, jeder ist eine Schar, die sich ins Unabsehbare verliert. Schau dich an, Mensch, du bist die ganze Menschheit im kleinen! Das ist das Schreckliche: Wenn du sündigst, fällt die Schuld auf alle, und die gewaltige Schar trägt all deinen Schmerz und deine Kleinheit. Du darfst nicht, du darfst nicht so viele Menschen auf den Weg der Erniedrigung und der Vergeblichkeit führen. Du bist ich, du führst, du bist verantwortlich; du solltest sie alle irgendwohin führen.  

Wir hören es. Neun Monate nach dem Tod des tschechischen Autors begann der Zweite Weltkrieg, 12 Jahre des Mordens, was indes nichts an der Erhabenheit dieser Gedanken ändert. Sie gehören in eine ferne Zukunft der Menschheit, es sind die Gedanken von Christentum und Buddhismus.

 

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