Die Metaphysik bei Vico und Adorno
Giambattista Vico lebte in Neapel und schrieb sein ganzes Leben, das von 1668 bis 1744 dauerte, an seinem Hauptwerk La Scienza Nuova (Die neue Wissenschaft). Wieder so ein Einzelgänger, der sich um seine Umwelt nicht kümmerte und forschte und nachdachte und schrieb. Vico teilte die Menschheitsgeschichte in Phasen ein und untersuchte die Sprache.
La Scienza Nuova erschien 1730 erstmals und erlebte 1744, im Todesjahr des Autors, eine Neuauflage. Vico selbst hatte Domenico Antonio Vaccaro mit einem allegorischen Bild beauftragt und die Ausführung auch überwacht; Antonio Baldi stellte den Holzschnitt her. Damals, vor 300 Jahren, hatten solche Werke eine vielfältige Bedeutung; jedes Detail sagte etwas aus, und der Autor erläutert uns das über viele Seiten hinweg. Die Erläuterung unten habe ich etwas verkürzt dargestellt. Gezeigt ist die Metaphysik, also das Wissen von etwas jenseits und über der Physik: all das, was man nur ahnen kann, also ferne Welten und Jenseits und das Himmelreich.
Giambattista Vico schreibt etwa:
Die Frau mit den geflügelten Schläfen, die den Erdball und die Welt der Natur überwacht, ist die Metaphysik.
Das leuchtende Dreieck mit dem Auge (links oben) ist Gott unter seinem Aspekt der Vorsehung.
Der Altar steht unter dem Erdball und stützt ihn. Der Strahl der göttlichen Vorsehung dringt in die Brust der Metaphysik ein, die sich fernhält von Überheblichkeit und körperlichen Lüsten.
Der Strahl setzt sich nach links fort zu Homer, dem ersten großen Autor der Menschheit, der anfing, uns Geschichten zu erzählen.
Auf dem Altar finden wir Wasser und Feuer und ein Symbol des Ehebundes. Rechts außen steht eine Urne, denn Menschen sind immer gestorben. An den Altar ist eine Egge gelehnt, die den Boden bearbeitet, und weiter links ein Ruder, denn die Menschen reisten übers Wasser. Das Alphabet steht für die Kommunikation, und vorne sehen wir rechts ein Reisigbündel, das fascio (daher kommt der Faschismus), das die römischen Herrscher vor sich hertragen ließen, außerdem weiter links einen Säbel, eine Waage und den Merkur-Stab der Heiler. Und links vorne wieder Flügel, befestigt an einem Helm. Krieg und Kampf, heißt das. In Kürze: Was der Mensch ist und sein kann.
Theodor W. Adorno bot im Sommersemester 1965 an der Frankfurter Universität eine Vorlesung über Metaphysik an. Jemand hat mitgeschrieben, das Buch erschien 1998 bei Suhrkamp. Ein paar Betrachtungen des Dozenten:
Man kann wohl sagen, dass der Begriff der Metaphysik das Ärgernis der Philosophie sei. Denn auf der einen Seite ist die Metaphysik das, um dessentwillen die Philosophie überhaupt existiert; wenn ich einmal die philosophische Phrase übernehmen soll (…), dann behandelt die Metaphysik ja jene sogenannten letzten Dinge, um derentwillen die Menschen zu philosophieren überhaupt angefangen haben.
Bei Nietzsche begegnet der Begriff der Metaphysik häufig in Gestalt eines Witzes … er spricht da nämlich von »Hinterwelt« und nennt diejenigen, die sich mit Metaphysik beschäftigen …, »Hinterweltler« …
Es liegt darin, dass die Metaphysik eine Lehre sei, die eine Welt annimmt, die hinter der Welt liegt, die wir kennen und kennen können, dass … hinter der Welt der Erscheinungen … eine Welt von Wesenheiten verborgen sei, die zu enträtseln und zu enthüllen die Aufgabe der Philosophie sein soll.
Historisch hat die Metaphysik … nichts mit dem Okkultismus zu tun …
Metaphysik ist diejenige Form der Philosophie, deren Objekte Begriffe sind …
Metaphysik wird vielfach … von dem populären Bewusstsein mit Theologie verbunden …
Jedenfalls ist zunächst einmal zu sagen, dass keine philosophische Metaphysik es jemals mit Geistern zu tun hat, als ob diese Geister seiende Wesen wären und zwar deshalb, weil die Metaphysik von Anfang an, also von Platon oder Aristoteles an, … gegen die Vorstellung eines Seienden im Sinne der kruden Faktizität (war) …
(Theodor W. Adorno, Metaphysik. Begriffe und Probleme, Suhrkamp Frankfurt, S. 9-20.)
Jetzt wissen wir (vielleicht) mehr. Ein wenig vage klingt das. Die Welt jenseits der Welt, die jedoch nicht richtig existieren soll, die betrachtet wird wie hinter Milchglas. Natürlich haben die Verstorbenen keinen realen Körper mehr, eher einen geistigen, transparenten, aber wer würde ihnen ihre Existenz absprechen wollen? Ontologie ist ja auch ein schwieriges Thema. Was existiert? Auch ein Begriff existiert, man kann ihn halt nicht berühren. Und die jenseitige Welt ist geistiger Natur, da werden Gedanken zu Objekten, die wir dort für real halten. Da muss der Philosoph eben seine Vorstellung von Sein erweitern.


