Flugverkehr (187): Nachtflug (2)

Eine zweite schöne Nachtflug-Stelle findet sich in Wind, Sand und Sterne (Terre des hommes) von Antoine de Saint-Exupéry. Das ist sein eigener Flug, bevor sie – sein Mechaniker und er – abstürzten in der Wüste. Zunächst waren sie unterwegs nach Benghasi. Da ich das Buch auf Deutsch nicht hier habe, muss ich den Text selber übersetzen. Gute Übung.

Unterwegs. Noch zwei Stunden Tageslicht. Ich habe schon auf meine Sonnenbrille verzichtet, als wir die Region Tripolis erreichten. Und der Sand vergoldet sich. Gott, wie dieser Planet doch ausgestorben ist! Ein weiteres Mal tauchen die Flüsse, die Schatten und die Behausungen der Menschen nur an den Kreuzungspunkten glücklicher Zufälle auf. Wie groß der Anteil von Felsen und Sand!

Aber all das ist mir fremd, ich lebe im Reich des Fliegens. Ich spüre die Nacht kommen, in die man sich einschließt wie in einen Tempel. Wo man sich einschließt in die Geheimnisse bedeutender Riten, in eine Meditation ohne Ausweg. Die ganze profane Welt verwischt sich bereits und wird verschwinden. Diese ganze Landschaft wird noch von goldenem Licht genährt, aber etwas daraus verdunstet bereits. Und ich kenne nichts, sage ich, nichts, was dieser Stunde gleichkäme. Und diejenigen, die von dieser unerklärlichen Liebe zum Fliegen ergriffen sind, werden mich gut verstehen.

Ich verzichte also nach und nach auf die Sonne. Und ich verzichte auf diese vergoldeten Flächen, die mich im Fall eines Defekts aufgenommen hätten … Und ich verzichte auf die Markierungen, die mich geleitet hätten. Ich verzichte auf die Bergprofile, die mir geholfen hätten, die Klippen zu umgehen. Ich trete in die Nacht ein. Ich navigiere. Ich habe nun für mich nurmehr die Sterne …

Dieser Tod der Welt vollzieht sich langsam. Und so wird das Licht nur allmählich geringer. Die Erde und der Himmel vermischen sich schrittweise. Diese Erde steigt an und scheint sich wie Dunst auszubreiten. Die ersten Sterne zittern wie in einem grünen Wasser. Man wird lange warten müssen, bis sie sich in harte Diamanten verwandeln. Und ich werde noch lang warten müssen, um an den stillen Spielen der Sternschnuppen teilhaben zu können. Im Herzen gewisser Nächte habe ich so viele Flämmchen dahinlaufen sehen, dass es mir schien, es wehe ein starker Wind zwischen den Sternen.

Prévot probiert die fixen Lampen und die Alarm-Lampen aus. … Dieses Licht ist noch zu klar. Es würde wie beim Fotografen das bleiche Bild der Außenwelt verschleiern. Es würde das dünne Fleisch zerstören, dass sich in der Nacht manchmal an die Dinge heftet. Diese Nacht ist hereingebrochen. Aber es ist noch nicht die wahre Nacht. Ein Halbmond hält sich. Prévot geht nach hinten und kommt mit einem Sandwich zurück. Ich knabbere an Weintrauben. Ich bin nicht hungrig. Ich habe weder Hunger noch Durst. Ich verspüre keinerlei Müdigkeit. Es kommt mir so vor, als würde ich auf diese Art nun jahrelang dahinfliegen.

Der Mond ist tot.

 

(Terre des hommes, Antoine de St.-Exupéry, Gallimard Paris, 1994, S. 112-114)

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