TestpilotInnen (109): Drythelm
Der seltsame Vorname in unserem Titel weist auf das frühe Mittelalter hin. Es ist eine bekannte Nahtod-Geschichte, die manipogo noch nicht aufgezeichnet hatte. Der angelsächsische Mönch Beda schrieb sie im 8. Jahrhundert auf. Drythelm »starb« eines Abends, um beim nächsten Sonnenaufgang wieder zu erwachen. Dann erzählte er alles seiner Frau.
Ich zitiere dies aus Pim van Lommel (Endloses Bewusstsein, S. 350), der es wiederum einem Standardbuch von Carol Zeleski entnahm, das ich auch kenne.
Zu Beginn der Geschichte trifft Drythelm einen Mann ›von leuchtendem Angesicht und heller Kleidung‹, der ihn in ein riesiges Tal führt. Es ist auf einer Seite von lodernden Flammen begrenzt, während auf der anderen Schnee und Hagel wüten. Angesichts der unzähligen missgebildeten Seelen, die hier zwischen Feuer und Eis hin- und hergeworfen werden, meint Drythelm, sich in der Hölle zu befinden, doch sein Führer erklärt ihm, dass dies lediglich die Stätte der vorübergehenden Qualen sei …
Um zur Höllenpforte zu gelangen, wird Drythelm durch ein Land der Finsternis geführt, das er nur durchqueren kann, solange er den Blick auf die leuchtende Silhouette seine Begleiters gerichtet hält. Die Hölle ist ein bodenloses, übel riechendes Verlies, aus dem die Seelen der Verworfenen auf Feuerzungen aufgespießt … emporflackern, um unter Hohngelächter und Wehklagen wieder in die Tiefe hinabzustürzen …
Sie reisen nach Südosten, in einen lichtdurchfluteten Bereich, bis sie auf eine riesige Mauer stoßen. Plötzlich, ohne zu wissen wie, findet sich Drythelm jenseits der Mauer inmitten einer leuchtenden Blumenwiese wieder: Er begegnet einer Gesellschaft von vielen glücklichen Menschen und glaubt im Himmel zu sein. Sein Führer belehrt ihn indes, dass dies nur die Vorkammer für die nicht ganz Vollkommenen sei.
Endlich nähert er sich dem himmlischen Königreich, die süßesten Gesänge erklingen, berauschende Düfte umhüllen ihn, und er erblickt ein Licht, so hell, wie er es nie zuvor gesehen hatte. Trotz seines Wunsches, hier für immer verweilen zu dürfen, wird er ins Leben zurückgeschickt, doch mit dem Versprechen, dass ein gottgefälliges Leben ihm einen Platz in der Glückseligkeit sichern werde.
Nach seiner Rückkehr erzählt er seiner erstaunten Frau:
»Hab keine Angst, ich bin tatsächlich vom Tode, der mich hielt, auferstanden und es wurde mir erlaubt, wieder unter den sterblichen Menschen zu leben, doch von heute an darf ich nicht mehr wie früher leben, sondern muss ein ganz neues Leben beginnen.«
Demzufolge verteilt er sein Eigentum, zieht sich in ein Benediktinerkloster zurück und führt fortan ein asketisches, ganz der Anbetung Gottes gewidmetes Leben.
Kommentar von Mönch Beda:
Es ist ein größeres Wunder, wenn ein Sünder bekehrt wird, als wenn ein Toter zum Leben erweckt wird … Und ein noch größeres Wunder ist es, wenn die Erzählung über die Erweckung und spirituelle Wandlung eines Toten die Herzen der Zuhörer verwandelt.
Ö Ø Õ
Bei dem Begleiter muss man an Vergil denken, der den Erzähler in Dantes Göttliche Komödie durch die Höllenkreise geleitet und hoch in den Himmel. Das Buch erschien 1320; vielleicht kannte Dante Alighieri ja den Bericht? Die Details aus dem Höllenreich deuten darauf hin. Dante hat das alles verschwenderisch ausgeschmückt. Es ist die Lebenswende durch den Besuch im Jenseitsreich.

