Flow und Sport und Glück

Der ungarische Psychologe Miháíl Csikszentmihály (1934-2021) veröffentlichte 1990 das Buch Flow: Das Geheimnis des Glücks und verankerte damit den Begriff Flow in unserer westlichen Kultur. Im Original heißt das Buch Flow: The Psychology of Optimal Experience (die Psychologie der optimalen Erfahrung).

Wer wäre nicht gern glücklich? Bücher über die Wege zum Glücklichsein verkaufen sich blendend, also hat der deutsche Verlag den Flow und das Glück zusammengekoppelt, auch wenn der Zusammenhang alles andere als klar ist. Klar ist, dass wir meist routiniert dahinleben und manchmal chaotisch und dass es dann doch vorkommt, dass alles wie geschmiert läuft. Wir haben eine Glückssträhne, wir versuchen, dranzubleiben, es ist ein besonderer Bewusstseinszustand, und dass wir in ihm glücklich waren, merken wir erst hinterher, wenn es nicht mehr so gut fließt.

Der Ausdruck »In the zone« bedeutet dasselbe. Das, was man kann, passt genau zu den Erfordernissen der Situation. Ein Mädchen möchte mit einer Freundin reden, die aber der Musik zuhört und unbedingt tanzen will. »Bist du in the zone?« fragt die Freundin. »Ja«, antwortet die Tänzerin.

Der Ethnologe Victor Turner schrieb:

In Spiel und Sport lassen sich Störungen und glückhaftes Ineinanderfügen am reinsten beobachten. Denn beide vollziehen sich in einem eigenen Raum und in einer eigenen Zeit: auf einer Schwelle (limen), an der die Vergangenheit für kurze Zeit negiert, aufgehoben oder beseitigt ist, die Zukunft aber noch nicht begonnen hat – (in) eine(m) Augenblick reinster Potentialität, in dem gleichsam alles im Gleichgewicht zittert.

Auch der »Ruck« ist möglich, den sich einmal ein deutscher Bundespräsident für unser Land gewünscht hat (Roman Herzog, am 26. April 1997 in Berlin). Für jede Erneuerung ist ein Ruck nötig, ein Schock (wie im Buddhismus, damit sich satori ereignet, die Erleuchtung).

Das Zehnerl fällt, der Knoten platzt, das Eis bricht. Wenn der Ruck gerade sich vollzogen hat, der Übergang geschehen ist: Dann, kurze Momente lang, passt alles zusammen. … Das Spiel fließt und besitzt Schönheit, die Spieler zeigen Intuition, verstehen sich blind und haben Glück dazu. Das Glück auf Erden; in Übereinstimmung mit dem Kosmos. Aber wir wissen: Glück wird nur wenige, kostbare Momente alt.

»Die besten Momente ereignen sich gewöhnlich«, schrieb Csikszentmihály, »wenn Körper und Seele eines Menschen bis an die Grenzen angespannt sind, in dem freiwilligen Bemühen, etwas Schwieriges und etwas Wertvolles zu erreichen.« Weiter:

Flow-Erfahrungen … werden den Beschreibungen nach allgemein mit einem Gefühl von Kontrolle verbunden – genauer: als ohne Sorge, die Kontrolle zu verlieren, die für viele alltägliche Lebenssituationen typisch ist. Das Selbstgefühl verlieren bedeutet also nicht, das Selbst zu verlieren und ganz gewiss nicht einen Verlust des Bewusstseins, sondern einen Verlust der Bewusstheit von sich selbst. 

Pierre-Olivier Monteil hat 1992 einen Aufsatz mit dem Titel Das Glück als Obsession geschrieben, der sich liest, als wäre er gestern geschrieben worden. Er erwähnt die »Entzauberung der Welt« seit der Aufklärung um 1750, den Aktivismus des postmodernen Menschen und behauptet, der Sport als »Arbeit am Ich« (sur soi) habe sich an die Stelle der Religion gesetzt. Das ist es, was Sloterdijk wiederholte.

Diese Arbeit am Ich wird anscheinend heutzutage verlangt, um das Glück zu erreichen. Geglaubt wird an die Machbarkeit. Es muss doch eine Technik geben, um das Leben zum Erfolg zu führen! Die Messlatte liegt hoch. Der Flow hingegen ereignet sich einfach, wenn alles stimmt. Er hat viel mit Hingabe zu tun und mit blindem Vertrauen.

Das Bild links ist von ccnull.de, Urheber Marco Verch.

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