Stress im Jenseits

Ich weiß nicht mehr, wann genau das war, aber vor vielen Jahren hatte ich eine Phase, in der ich Drehbücher schrieb. Davon ist keines verfilmt worden, und das ist auch egal. Aber eine Kostprobe will ich euch doch geben, und darum bekommt ihr heute und an den folgenden 11 Tagen Stress im Jenseits. Viel Vergnügen!

Stress im Jenseits

Komödie/Drehbuch

Geister: Viktor / Melanie / Hannah
Engel: Azrael / Deola / Juza / Margo / Shoshana / Seraphiel / Maklun / Portia / Hurgha / Yann
Lebende: Franka / Gerda (Melanies Mutter) / Pia

1

Völlige Dunkelheit.

Stimme einer Frau: Was ist los? Wo bin ich hier? Hört mich keiner?
dunkel Es waren noch 120 Kilometer bis Frankfurt, ich erinnere mich, da war das Schild, das gibt’s doch nicht! Und jetzt? Bin ich eingeschlafen, träume ich noch? Weckt mich keiner auf?

Ein Lichtstrahl am Horizont. Es wird langsam hell. Eine Ebene.

Stimme eines Mannes: Du bist in Sicherheit. Geh dorthin, wo es hell wird.

Die Silhouette einer Frau stolpert dahin. Eine Kontur löst sich aus dem Ungefähren, umarmt die Frau, streicht ihr übers Haar.

Mann: Mein Engel Melanie, ich begrüße dich! Der Lastwagen, du weißt es noch, schoss über die Leitplanke, auf eure Fahrbahn, auf die andere Seite also. Und somit bist du jetzt auf der anderen Seite.
Frau: Vater! Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Du redest, wie du immer geredet hast. Könntest du vielleicht etwas konkreter werden?
Vater: Du bist tot. – Aber nicht ganz alleine.
Noch zwei Gestalten sind in ihrer Nähe.

Frau: Da ist auch Tante Ilse! Und Carlos, mein alter Freund! Jetzt glaub ich’s aber. Ich lebe doch – ihr seid tot, und lang schon!
Vater: Wir leben auch, Melanie, und für dich fängt es jetzt an. Aber nun brauchst du Ruhe. Komm mit, du bist für Station 11 vorgesehen. (Alle ab.)

2

Ein großer Bildschirm. Man sieht gerade das Bild verschwinden. Es wird hell. Ein großer weißer Raum mit Tisch. Zwei Männer, in Weiß gekleidet, stehen da, vom Tisch getrennt, und unterhalten sich. 

Mann 1: Melanie! Unglaublich. Stirbt auf der Autobahn. So ein verdammtes Pech! Musstest du mir das zeigen?
Mann 2: Du hättest es ohnehin erfahren. Sie gehörte zu deinem Leben. Du musst alles wissen, Viktor.
Viktor: Danke, Azrael. Kann ich ihr irgendwie helfen?

Azrael kommt herum und legt den Arm um Viktors Schultern.

Azrael: Sie muss sich ausruhen. Nach der Aufwachstation dann die erste Orientierung … du kennst das.
Viktor: Ja.
Azrael: Wir machen einen kleinen Rundgang, okay? Sie gehen langsam einen Korridor entlang. Du hast gesagt, für einen neuen Job bereit zu sein. Ich stelle dir die verschiedenen Gruppen vor, und wir werden etwas Passendes für dich finden. Mittlerweile weißt du, dass hier alles hervorragend organisiert ist.
Viktor: Ich bin beeindruckt. Wenn das auf der Erde so wäre …
Azrael: Ich weiß, dieser Gedanke liegt nahe. Da unten oder da hinten herrscht ein Chaos, das die Menschen für Organisation halten. Aber leider sind wir dennoch auf die Erde fixiert und auf sie angewiesen. Wir tun unser Möglichstes, dort einzugreifen, aber wir sind eingeschränkt. Wir dürfen uns nicht überschätzen. Die Leute, die du sehen wirst, sind alle noch nicht so lange hier. Sie sehen höchstens drei Tage in die Zukunft und können auch nicht so gut Gedanken einflüstern. Mehr können wir ja eigentlich nicht tun. Ja, gut, kleine Manipulationen sind möglich, Elektrogeräte beeinflussen, winzige Aktionen von Psychokinese, aber damit hat sich’s auch. Versprich dir also nicht zu viel.

Viktor: Keine Sorge, ich möchte nur etwas Nützliches tun.

Sie halten an und schauen in einen Raum. Drei Tische, ein riesiger Bildschirm, siebzehn weiß gekleidete Leute diskutierend..

Azrael: Die sind für einen Teil deiner Heimatgemeinde zuständig. Alles Geister, die sich noch der Erde verbunden fühlen, die etwas gutmachen und lernen wollen. Das Unfallverhinderungskomitee 17. Unter uns gesagt: nicht besonders erfolgreich. Da fehlt es an der Schulung, doch es ist auch schwierig. Du siehst, was kommen wird und musst früh genug eingreifen. Moment mal …

Er geht hinein. Auf dem Bildschirm ist ein Mann zu sehen, der ein Rennrad besteigt. Neben ihm steht ein Geist und ruft ihm zu: Ich will nicht fahren. Ich will zu Hause bleiben!

Azrael: So geht das nicht. Er ist dort und schiebt den Geist beiseite. Konzentriert sich und pling: eine Speiche bricht. Der Mann steigt ab und flucht. Speiche gebrochen, flüstert er. Das gibt’s doch nicht! Jetzt kann ich mir die Fahrt schenken. – Azrael kommt zu Viktor zurück.

Azrael: Das ist natürlich die höhere Kunst. Ging nur, weil der Fahrer medial etwas drauf hatte, ich konnte durch ihn arbeiten. Aber ich kann nicht überall sein. Das lernen die anderen auch noch, aber das kann dauern. – Dauern, klingt komisch, oder? Eigentlich ein irdischer Begriff, den ich nur für dich verwende.  Du wirst aber auch bald alles vergessen, was mit Zeit zu tun hatte. Das brauchen wir hier nicht. Du wirst hier arbeiten, ganz selbstvergessen, und zehn Jahre sind wie ein Tag, hundert Jahre wirken wie ein Tag, das misst keiner. Komm weiter. – Ich weiß, du denkst an deine Angehörigen, an die Erde. Meine Güte, die Erde, wie das klingt! Wie etwas Fernes. Wir sind ja nah dran, eine Handbreit entfernt. Aber sie sehen uns nicht. Wie kann man so blind sein! Komm, wir schauen bei Franka nach.

Morgen geht’s weiter.

 

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