Stress im Jenseits (2)
Nicht nur Melanie ist gestorben, sondern auch Viktor, wie wir gleich erfahren. Irgendwie gibt es eine Verbindung zwischen den beiden. Man führt erst die Figuren ein, und dann stellt man dar, was sie verbindet. Später sehen wir ja, ob es mir gelungen ist. Jedenfalls gibt es die Lebenden hier und die Toten dort, die genauso lebendig sind.
3
Franka ordnet Blumen in einer Vase an und schluchzt:: Er war ja nicht mehr jung. Ach, aber zwanzig Jahre zusammen hätten wir noch haben können, oder? Jeder wird heute siebzig. Aber dann, an diesem verdammten Berg …
Mutter: Es war das verdammte Herz. Zu viel Stress. Es wäre irgendwann passiert, woanders. Ist aber so traurig. Viktor ist nicht mehr da.
Franka: Gestern bei der Predigt habe ich ihn aber wieder gespürt, neben mir, als ob wir nebeneinander gestanden wären. Wie tausende Male.
Mutter: Wie hast du gewusst, dass er es war?
Franka: Das weiß man eben. Er war es.
Mutter: Er hat nach dir geschaut.
Franka dreht sich um: Und was mache ich jetzt? Kannst du mir das sagen?
Azrael und Viktor stehen daneben. A. gibt V. ein Zeichen. – Die Mutter schaltet das Radio ein. Es erklingt »The Show Must Go On« von Queen.
Franka erregt: Das ist sein Lied! Das ist ja wie ein Zeichen von ihm! Viktor steht neben ihr, versucht sie zu berühren. Findest du nicht, dass das ein Zeichen ist? »My make-up will be fading, but the show just lingers …« Sie geht auf ihre Mutter zu, und sie tanzen im Kreis.
Mutter: Kind! Viktor ist gerade drei Tage tot! Und wir tanzen!
4
Wieder woanders, weißer Korridor.
Azrael: Das ist zu schmerzhaft für dich. Wir gehen weiter. Sie gehen. Wir unterhalten uns mit Stimmen, weil du das so gewohnt bist. Aber ich kenne deine Gedanken. Du wirst lernen, sie zu verbergen, indem du einen Schirm um dich legst. Ich weiß, dass die erste Gruppe sich nicht für dich eignet. Du warst ja Agent bei einer Unfallversicherung in der Schweiz. Kannst du das … was ist da?
Sie drehen sich um. Zwei Geister diskutieren hinter ihnen. Azrael und Viktor sind sofort bei ihnen.
Azrael: Ah, Unfallverhinderungskomitee 17. Diskussionen. Kann man helfen?
Geist 1 zu Geist 2: Ich konnte das einfach nicht sehen.
Geist 2: Du hast nur peripher geschaut, ich hatte dir schon einmal gesagt, das geht nicht. Jetzt ist es schiefgegangen. Wir haben den Klienten verloren.
Azrael. Welchen Klienten?
Geist 1: Na, den Rennradfahrer. Brach die Tour ab, weil eine Speiche brach. Dann fällt er die Treppe hinunter, tot.
Azrael: O nein. Entschuldigung, Leute, ich hab auch nicht genau geschaut, tut mir leid. War mit Viktor unterwegs, wollte mich nur nützlich machen. Und so habe ich alles schlimmer gemacht. Einen Fahrradunfall hätte er vielleicht überlebt. So eine Idiotie. So wird man wieder demütig. Zu Viktor. Glaub nicht, dass wir alles wissen. Manchmal ist da etwas im Buch verzeichnet, was nicht abzuwenden ist. Zu Geist 1: Du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen. Das nehme ich auf meine Kappe.
Geist 2: Die Ersthelfer sind schon dran. Der Mann ist schon hier.
Azrael: Ja, so schnell kann’s gehen. Nicht wahr, Viktor? Wo waren wir? Du wolltest etwas leugnen.
Viktor: Nein, ich wollte etwas nicht leugnen: dass ich Agent bei einer Unfallversicherung in der Schweiz war.
Azrael: Alle wollen hier erzählen, wie es sie erwischt hat. Es war das größte und das letzte Ereignis ihres Erdenlebens. Sie gehen an einem Raum vorbei. Jemand sagt: Ich hatte noch ein paar Schwünge, da dreht es mir die Ski weg, und ich sehe noch den Felsblock, und dann … Sie gehen vorbei.
Azrael: Erzähl mir, wie es war.
Viktor: Ich wollte mit Franka in Urlaub fahren. Ich erinnere mich noch an die letzten Kehren des Julier-Passes, im Auto, da wurde mir schlecht, so total schlecht. Ja, schon am Morgen hatte ich mich seltsam gefühlt. Ich war auch gleich weit weg, das Auto blieb an einer Felswand hängen. Franka hing bewusstlos im Gurt. Ich selbst sah mich am Steuer, reglos, und das war nicht in Ordnung. Dass einer sich selber sieht! Ich wollte Franka befreien, aber es ging nicht. Es wurde dunkel und hell zugleich. Dann war ich alleine, aber nicht lange.
Azrael: Du hast dich aber schnell erholt. Warst sogar bei deiner Beerdigung.
Viktor: Als Hauptperson. Nur kurz. Zu Beerdigungen bin ich nie gern gegangen. Traurige Veranstaltungen.
Azrael: Aber du bist nicht mehr traurig.
Viktor: Nein, nicht mehr.
Azrael: Wir müssen nach vorne schauen. Wir werden schon einen Platz für dich finden. Im Jenseits herrscht kein Chaos, aber manchmal gibt es Stress. Stress im Jenseits. Wird dich nicht umbringen, denke ich. Hast du ja hinter dir. Schau, was hier getrieben wird und entscheide dich. Nein, du musst dich nicht entscheiden. Weißt du, wir sind hier in einer anderen Sphäre. Alles ist möglich, und alles geschieht aus – Liebe. Was du tust, tust du nur, weil du anderen helfen und etwas lernen willst. Wenn es dir keinen Spaß mehr macht, lässt du es sein. So einfach ist das. So sollte das auch auf der Erde sein. Folge deinen Neigungen, tu alles aus Zuneigung – und das ist die wichtigste Neigung. Er lächelt, legt den Arm um ihn, und sie gehen weiter.
Plötzlich legt Azrael zwei Finger seiner rechten Hand an die rechte Schläfe und bleibt stehen. Ich verstehe. Ja, Mexiko-City. Gut, gleich. Zu Viktor: Ein Flugzeug ist abgestürzt. Wir müssen hin. Da lernst du was. Es gibt noch andere, die einen Job suchen, also geht eine Gruppe unter meiner Leitung hin. Vielleicht wäre das etwas für dich. Hilfe für frisch Verstorbene trifft die Ersthelfer, Code 12, erschwerte Bedingungen. Wenn jemand auf natürliche Weise stirbt, sind die Sterbehelfer dran, freilich zunächst die näheren Angehörigen hier auf unserer Seite. Das hier bedeutet Stress, musst du wissen.
Viktor: Konnte man nicht den Absturz überhaupt verhindern? Nun sind 30 gleichzeitig gestorben. War das Schicksal?
Vier andere Gestalten kommen, noch weitere, sie stehen um die beiden herum. Azrael hält die Hand hoch zum Zeichen, dass sie noch warten sollen.
Azrael: Du stellst viele schwierige Fragen. Wir sind nicht allmächtig. Mexikanische Kollegen und Kolleginnen werden versucht haben, die Sache zu verhindern. Aber bei mechanischen Problemen sind wir machtlos. Wir können Mitarbeitern etwas einzuflüstern versuchen, reparieren können wir selten etwas. Wir sehen in die Zukunft, du siehst bald einige Tage nach vorn, ich noch weiter, aber den Gesamtplan kennen wir auch nicht. Warum 30 Menschen in der Blüte ihrer Jahre sterben müssen, warum es den Horror der Kriege gab? Die Menschen sind frei. Wir können uns nicht gegen ihren freien Willen stellen. Auch das Unglück ist, wenn du so willst, von den Menschen gewollt oder zumindest von ihnen in Kauf genommen worden. Jedes Unglück ist die Schuld von jemandem. Das Schicksal ist entstanden, nicht vorher dagewesen.
Viktor: Man fragt immer, warum Gott so etwas zulässt.
Azrael: Die Menschen stellen sich Gott wie sie selber vor, wie einen Firmenbesitzer. Er aber lässt uns freie Hand. Wir müssen selber lernen. Er greift nicht ein. Aber jetzt los!
Azrael hebt die Hand hoch. Sind wir alle? Konzentriert euch. Schaltet euren geistigen Navigator zu! Der Flugplatz heißt Tampico. Wir sehen uns.
Morgen Teil 3.