Stress im Jenseits (5)
Das ist ein recht langer Beitrag. Doch es ist eben eine fortlaufende Geschichte, und ein Drehbuch muss auch lang sein, damit daraus 90 Minuten Film entstehen können. Heute geht es um den Alltag in der Geistigen Welt und um Leute, die nicht richtig zurechtkommen.
9
Viktor: Und, Azrael, was nun? Darf ich dich noch etwas fragen?
Azrael: Aber natürlich darfst du.
Viktor: Warum hast du so viel Zeit für mich? Anscheinend bist du sehr wichtig in dieser … Organisation.
Azrael: Zeit gibt es nicht. Das ist ein irdischer Begriff. Es ist nichts, was knapp wäre. Es ist unendlich da. – Außerdem weißt du ja nicht, lieber Viktor, ob ich nicht vielleicht nur dein Azrael bin und ich in der Gestalt anderer Versionen von mir für andere ebensoviel »Zeit habe« wie für dich. Irritiert dich das?
Viktor: Das ist ein … neuer Gedanke für mich, ich war ja, wie ich noch weiß, bei einer Versicherung, und da konnte sich niemand verdoppeln geschweige denn vervielfachen.
Azrael: Auch die Seele ist mehr, stell dir vor. Auch du bist immer nur Teil einer komplexeren Seele gewesen, du, Viktor, dieses eigentlich, verzeih mir, einfache Wesen, aus unserer Sicht. – Darüber wirst du noch belehrt werden. Lass uns unseren Rundgang abschließen: Es gibt Sterbehelfer, Ersthelfer, und es gibt Weiterhelfer – wenn der Verstorbene zur Ruhe gekommen und wieder aufnahmefähig ist. Lass uns diese Szene betrachten.
Sie stehen auf einem Berg und schauen nach unten. Ein Dorf, kleine Häuser. Aber auch sitzende, starr stehende, hilflose Menschen.
Azrael: Das hier ist wie früher bei euch. Auf Erden muss man sich umtun, Geld verdienen, seine Bedürfnisse erfüllen, handeln. Das lernt man. Man schläft, trinkt, paart sich … doch hier braucht man kein Geld, muss nicht schlafen, kennt keinen starken Geschlechtstrieb, und du würdest vielleicht sagen, man hat jede Menge Zeit. Die Leute da unten kommen aus Dörfern, aber es gibt auch ganze Städte voll von ihnen, jedenfalls haben sie keine Sekunde an das ewige Leben gedacht. Nun sind sie ratlos. Für die haben wir neben den Ersthelfern und den Weiterhelfern die »spirituellen Helfer«. Sie sollen ihnen die Augen öffnen, sie zum Zuhören zwingen, denn jeder wird gerettet, jeder kann aufsteigen. Er muss nur selbstlos sein und sich öffnen. Doch viele hören Jahrhunderte lang nicht zu. Sie glotzen vor sich hin oder machen, was sie auf Erden schon gemacht haben. Weißt du, eigentlich sind sie gar nicht tot. Sie haben ihre Sphäre nie verlassen. Oder: Sie waren schon immer tot. Und bleiben es. Seien wir ehrlich: Es ist frustrierend, spiritueller Helfer zu sein. Damit betrauen wir Geister, die selber etwas abzuarbeiten haben. Die nie anderen geholfen haben.
Viktor: Ich wusste nicht, dass das Leben hier auch traurig sein kann.
Azrael: Die Leute dort unten sehen es nicht so. Wie bei euch damals auf Erden: Sie leben so vor sich hin und wissen nicht, wie glücklich man sein kann. Es wäre so einfach. Es gibt natürlich die Abteilung Erde und … ach, da ist Margo. Die weiß das ganz genau.
Margo: Azrael, ich grüße dich.
Azrael: Segen. Ohne dass ich es wollte, habe ich dich anscheinend gerufen.
Margo: Ja, ich habe einen Ruf verspürt. Also, Viktor: Es gibt die Abteilung Jenseits, denn einige hängen unten herum und sollen eigentlich ins Licht gehen. Denen kann man leichter beweisen, dass sie da drüben nichts mehr zu suchen haben. Es sieht sie ja keiner. Und dann gibt es die Abteilung Diesseits, denn bei uns sollen die Leute sich öffnen, lernen und weiterkommen.
Viktor: Witzig, bei uns damals war das Jenseits immer das Reich der Toten.
Margo: Wieso, wir sind das Diesseits.
Azrael: Verwirren wir uns nicht, schauen wir uns was an. Da unten?
Margo nickt. Er hebt die Hand, sie verschwinden.
10
Eine Frau und ein Mann in einem luxuriösen Haus. Er sitzt abwesend im Sessel, sie bügelt, ebenfalls wie in Trance. Margo, Azrael und Viktor stellen sich in eine Ecke.
Margo leise: Shoshana kommt.
Shoshana steht in der Mitte des Zimmers und breitet die Arme aus.
Shoshana: Segen.
Mann: Da steht jemand, eine Frau.
Frau lässt das Bügeleisen sinken: Ich hab sie gar nicht läuten hören. Steht so einfach da. Zu Shoshana Sie!
Shoshana: Keine Angst, ich komme in guter Absicht.
Mann tonlos: Einfach so einzudringen. In ein komisches Land sind wir da geraten. Da in der Ecke stehen auch drei. Die können anscheinend kommen und gehen, wie sie wollen. Privatsphäre gibt’s nicht.
Shoshana: Wir leben alle. Wir können alle glücklich sein. Sie müssen nicht bügeln. Sie brauchen keine Kleider, kein Haus, keinen Sessel, und Sie müssen auch nicht schlafen, wenn Sie nicht wollen.
Frau: Wir schlafen aber gern, wir sind das so gewohnt.
Shoshana: Na gut, schlafen Sie. Aber: Spüren Sie nicht etwas wie Freude hier?
Frau: Nein. Es ist langweilig wie vorher.
Mann: Die muss von den Zeugen Jehovas sein. Kann man sie nicht wegschicken?
Shoshana: Sie waren schon weit. Sie haben sich dieses Haus erschaffen. Aber Sie dürfen sich nicht abschließen. Gehen Sie hinaus, reden Sie mit anderen, dann wird Ihnen gesagt, wie Sie unglaublich glücklich werden können.
Mann: Wir haben hier alles, was wir brauchen, nicht, Else?
Frau: Wir sind nie rausgegangen.
Shoshana: Sie haben einen Sohn hier.
Mann: Der war einmal da, wollte uns mitnehmen, aber er sagt, er hat zuviel zu tun, und wo er ist, könnten wir nicht hinkommen.
Frau: Es ist eigentlich alles so wie immer.
Shoshana: Wenn Sie sich geistig öffnen, können Sie irgendwann seine Ebene erreichen, dann sind sie immer zusammen.
Mann: Mein Sohn hat sich schon immer für was Besseres gehalten.
Frau: Und die Frau, die er hatte! Eine Angeberin.
Shoshana: Sie geht regelmäßig an Ihr Grab und betet für Sie.
Mann: Davon kann ich mir was kaufen.
Shoshana: Kommt da nicht manchmal eine warme Welle an, eine Welle der Liebe?
Frau: Ja, da spüre ich manchmal etwas Schönes, und ich möchte singen.
Mann: Alles Einbildung.
Shoshana entflammt Kommen Sie mit mir und ich zeige Ihnen wunderschöne Dinge!
Mann: Ach, lassen Sie nur, ich sitze gerade so gut. Und Else muss bügeln.
Shoshana verzweifelt. Allen Segen. Ich komme wieder.
Sie geht zu den dreien, Margo umarmt sie, und sie fliegen ab.
Wieder auf dem Berg.
Shoshana: Fünf Mal war ich schon bei ihnen. Ich finde einfach keinen Zugang.
Margo: Verstockte Leute. Spirituell tot. Zu Viktor Du kannst dir wohl vorstellen, dass sechs Siebtel der Leute so sind. Es wird immer schlimmer. Bald brauchen wir spirituelle Helfer für unsere spirituellen Helfer, die frustriert sind. Drüben braucht man ja auch Psychologen für traumatisierte Menschen, und Psychologen für traumatisierte Psychologen. Zu Shoshana Ruh dich aus. Wir überlegen eine neue Strategie. Gehen wir mal kurz hinüber – gut, es ist ein weiter Flug, Nähe Frankfurt. Da sieht man uns wenigstens nicht. Die Abteilung Erde.
Morgen Teil 6