Stress im Jenseits (10)
Nun geht es in die niedere Astralwelt – zu den schlechten Menschen dort, die gut sein könnten, aber nichts begreifen. Sie sind dort, wo es ihnen gefällt – und wissen nicht, wie toll man sich in den höheren Sphären fühlt. Man muss ihnen helfen. 22
Windgeräusch. Es wird dunkel. Ein Gebüsch wird vom Wind geschüttelt. Eine Zeile von flachen Gebäuden, dazwischen ein schlammiger Weg. Die Tür zu einem Gebäude steht offen, und graues Licht fällt heraus.
Viktor: Wo sind wie hier? Brr, das ist eklig.
Azrael: Wir schauen nur kurz. Unsere Energie reicht hier nicht lange; da merkst du, wie stark negative Kräfte sein können. Du musst dich nach innen konzentrieren und mir einfach folgen. Sie nähern sich dem Dämmerlicht.
Drinnen ringen rechts zwei Männer miteinander. In der Mitte des Raums zerren zwei an einer hässlichen Frau herum. Hinten trinkt einer eine Flasche leer.
Mann 1: Gib mir den Beutel mit dem Geld!
Mann 2: Du Kleingeist, den hab ich gewonnen.
Mann 1: Ich mach dich fertig.
Mann 2: Umbringen wirst du mich nicht, wir sind ja schon tot, hehe!
Mann 1: Aber meine Kräfte sind schwärzer. Ich lähme dich. Er hält die Hand hoch, der andere weicht zurück, erstarrt, lässt den Beutel fallen.
Hatte der Pfaffe schon Recht: Im Jenseits ist es schön. Nimmt den Beutel auf und küsst ihn.
Azrael flüstert: Ein Jammer. Sie kennen nichts Anderes. Sind auch noch glücklich dabei. Schau da drüben.
Mann 1 reißt der Frau das Kleid herunter.
Mann 1: So, Baby, jetzt geht’s gleich zur Sache.
Frau: Was willst du denn, du Versager? Ich bin viel zu schön für euch. Für tausend Euro kannst du dich bedienen – und du verpiss dich! Sie gibt dem anderen einen Tritt, der zu Boden fällt. Der erste schnippt mit den Fingern und hat einen dünnen Packen grüner Scheine in der Hand.
Frau: Du bist ja richtig gut. Leg die Kohle auf den Boden, und ich leg mich gleich dazu.
Mann weiter hinten: Das reicht noch nicht. Mehr Stoff- Plötzlich hat er wieder eine Flasche in der Hand.
Azrael zu Viktor: Sie sind hässlich, halten sich aber für schön. Erst wenn sie in einer neuen Region sind und etwas gelernt haben, werden sie auch körperlich, wenn man das so sagen kann, schöner. Schau nur gut hin. Viktor verzieht das Gesicht. Azrael geht mit ihm näher. Der Mann hat sich auf die Frau gelegt, da fällt ein Licht über sie.
Mann: Was machst du? Mir ist schlecht. Er geht von ihr herunter, setzt sich hin, verbirgt das Gesicht in den Händen.
Azrael zur Frau: Du bist eine hässliche alte Kröte. Frau windet sich und weint. Aber es ist Schönheit in dir. Kniet nieder. Du könntest wunderschön sein. Doch dafür musst du von hier weggehen und dein Leben ändern. Wenn du wüsstest, wie schön ein neues Leben sein kann!
Frau rollt sich weg und verbirgt sich hinter ihrem Kleid: Dein Licht tut mir weh. Geh weg. Ich mag lieber die tausend Euro als ein neues Leben, das du mir versprichst. Es gibt andere Männer als den hier. Sie gibt ihm einen Tritt, er fällt um und sie entfernt sich.
Azrael zu Viktor: Siehst du, es ist schwierig. Da hätte man auf Erden Vorarbeit leisten müssen, hier kannst du Hunderte Jahre arbeiten. Das ist etwas für Kämpfer. Komm.
Sie schweben über den schlammigen Weg. Ein Hund kommt vorbei, ein Geier kreist über ihnen. Eine Frau im weißen Gewand steht da.
Azrael: Portia! Meine Grüße.
Portia: Ich segne dich. Ich sehe, du hast einen Gast.
Azrael: Viktor.
Portia: Es ist nicht hoffnungslos. Viktor, ich muss nicht einmal etwas abbüßen. Aber ich habe ein gutes Herz, und ich kenne die Frau und diesen Mann von früher. Sie fühlen sich leider wohl in diesem Dreck, sie hassen sich und lieben das. Sie können sich etwas Anderes nicht vorstellen. Aber ich spüre, dass ich nah dran bin. Wenn es mir gelingt, sie zu einer kleinen Reise zu überreden, hab ich sie.
Azrael: Viktor weiß noch nicht alles. Zu Viktor Die Menschen kommen hier herüber, wie sie zu Lebzeiten waren. Sie hatten eine hässliche Welt, und die erschaffen sie sich wieder. Fühlen sich wohl. Hier entscheidet der geistige Zustand über deinen Aufenthalt. Die Bösen, wenn wir sie so nennen wollen, kriegen wir nicht zu Gesicht. Sie sind woanders, eben hier. Sie ertragen unser inneres Licht nicht. Wir können sie aber langsam daran gewöhnen. Wenn sie einmal Sehnsucht danach haben, besser zu werden, haben wir gewonnen.
Portia: Alles wird gut. Aber es wird nicht gut ohne unseren Einsatz. Die Teams arbeiten unaufhörlich. – Schlimm freilich sind die Geister, die auf Erden Böses tun.
Azrael: Wir schauen auch mal kurz zum Dämonenbekämpfungsteam.
Sie fliegen weiter.
Die Kommandozentrale. Alles weiß. Fünf Geister vor einem Bildschirm.
Erster: Da macht er es wieder. Siehst du, er flüstert ihm ein: Bring ihn um.
Zweiter: Das wird nicht funktionieren.
Dritter: Er sagt ihm, wie er es machen soll.
Vierter: Ich geh am besten hin und verneble ihm seine Träume.
Erster: Du, Hurgha, schau, dass du den anderen beeinflusst. Er wacht gleich auf, die Gelegenheit ist günstig, sag ihm, er solle das Geld zurückzahlen, es ist noch nicht zu spät.
Zweiter schaut auf einen anderen Bildschirm: Alarm! Da holt sich dieser Edgar eine Pistole und will zum Gericht. Schnell, wir müssen was tun.
Erster kommt hinzu: Ich habe die Kräfte, ich gehe hin und verräume seinen Autoschlüssel. Verschwindet.
Azrael: Ich sehe es, ich sehe es. Man kann ihm etwas sagen, da ist nicht alles vergebens. Er wird die Pistole weglegen. Ich muss hin. Verschwindet.
Viktor alleine: Was für ein Chaos. Das wäre nichts für mich.
Azrael steht neben dem Mann, der seinen Schlüssel sucht, Schubladen aufreißt. Azrael und der erste Geist stehen da. Von Azrael geht ein starkes Licht aus.
Azrael flüstert und hält seine Hände vor sich hin, nur wenige Zentimeter vom Kopf des Mannes entfernt.
Azrael beschwörend: Das ist ein blöder Einfall. Was will ich mit der Pistole? Bin ich blöd oder was? Nein, das hat keinen Sinn. Alles wird gut.
Der Mann setzt sich aufs Bett, wirft die Pistole weg und bricht in Tränen aus.
Erster Geist zu Azrael: Du hast starke Kräfte, Azrael.
Azrael: Die wirst du auch einmal haben, mein Freund. Aber ich kann nicht überall sein.
Zu Viktor: Ach, das ist ganz schön anstrengend. Komm, wir ruhen uns im Park etwas aus.
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In der Firma.
Chef zur Mitarbeiterin: Sie müssen den Codelco-Auftrag übernehmen, den vorher Melanie betreut hat.
Frau fängt zu schluchzen an.
Chef: Na, sind wir immer noch nicht drüber weg? Es gibt eben Abschiede in diesem Leben. Nichts ist für ewig. Ich denke mir das so Er lehnt sich zurück
Es gibt ja Freunde, die sieht man alle Jubeljahre einmal. Was machen sie? Sie leben irgendwo. Sie könnten auch tot sein, wir wüssten es nicht. Gibt es da einen Unterschied? Sie sind vielleicht weggegangen, wie Melanie.
Frau: Das macht schon einen Unterschied, ob einer da ist oder weg.
Chef: Aber wenn ich es nicht weiß?
Frau wischt sich die Tränen ab Aber in diesem Falle wissen wir es ja.
Chef: Wir könnten aber so tun, als wüssten wir es nicht.
Frau: Wo ist Melanie denn? Ist sie wirklich weg?
Chef: Wenn ich das wüsste. Wär schön, wenn es nicht so wäre. Fragen Sie doch mal den Priester.
Frau: Der sagt immer, die Toten schlafen. Dann werden sie auferweckt.
Chef: Nicht besonders originell. Ich bin wenigstens der Meinung, dass dann alles vorbei ist. Es fällt die Klappe, alles wird schwarz. Allenfalls ein traumloser Schlaf.
Frau: Da haben wir’s ja. Bis zur Auferstehung. Vielleicht hat der Pfarrer doch Recht.
Chef: Ich weiß es ja auch nicht. Wissen Sie, ich möchte eigentlich nicht weiterleben nach dem Tod. Ich hatte hier schon genug Stress. Das muss man nicht verlängern. Irgendwann ist man müde.
Frau: Und muss schlafen.
Chef: Aber jetzt ist es erst elf. Noch sind wir hier. Los, nehmen Sie den Codelco-Fall, das lenkt ab. Sie können mich alles dazu fragen. Schönen Tag.
Morgen Teil 11.