Stress im Jenseits (9)
Melanie und Viktor tauschen sich aus, da gibt es doch noch gemeinsame Interessen. Irgendwie kommt uns das vor wie hier auf unserer Welt. Schon Swedenborg hat das vor fast 300 Jahren angedeutet. Alle möglichen Emotionen gibt es weiterhin, und manchmal rutschen sogar Engel in die Krise. Sagt uns Swedenborg. 19
Melanie und Viktor
Viktor: Das ist wie auf der Erde, wie bei unserer Versicherung. Die Teamleiter und die Geschäftsführung feiern, und die Mitarbeiter schauen in die Röhre.
Melanie: Man braucht die Einweihung. Wir verstehen vielleicht noch nicht alles, wir sind ja noch nicht so lange hier.
Viktor: Vermutlich sind Diesseits und Jenseits gar nicht so verschieden.
Melanie: Manche sagen ja, dass es dort ist, wie es hier ist; dass es dort, auf der Erde, so ist, weil es hier so ist. Sie sagen auch immer, dass wir ganz nah dran sind – aber sie können uns nicht sehen.
Viktor: Die Leute sind hier jedenfalls die, die sie drüben auch schon waren. Die Bösen bleiben unter sich, das ist eine gute Einrichtung, die sieht man nicht.
Melanie: Kennst du das Team der Dämonenbekämpfer? Musst du noch kennenlernen. – Du hast Recht, es ist wunderschön hier. Und wir haben das doch ganz gut gemacht gerade, oder?
Viktor: Finde ich auch. Wie auf Erden: Die Leute, die sich sympathisch sind, bleiben zusammen.
Melanie: Wir waren ja schon mal zusammen. Hast du unsere gemeinsamen Jahre vergessen?
Viktor: Nein, nicht ganz. Warum haben wir uns damals getrennt?
Melanie: Ich erinnere mich nicht … Oder doch: Ich wollte was Neues, wollte weg, und du wolltest in der Schweiz bleiben. Dann kam Oliver aus Frankfurt, mein Traummann, wir waren fünf Jahre in Karlsruhe. Na ja, vielleicht war er doch nicht der Traummann.
Viktor: Ich fand Franka, die hatte eine Praxis, die wollte nicht weg.
Melanie: Dann wollten wir in Frankfurt neu anfangen. Oliver hatte schon die Wohnung gekauft, ich wollte zu einem Bewerbungsgespräch, und da wurde ich aus dem Rennen genommen.
Viktor: Ich hatte dich dann schnell aus den Augen verloren. Dieses Reisen war nicht mein Ding. Jetzt aber macht es Spaß und ist so leicht. Wollen wir nach Acapulco und uns da weiter unterhalten?
Melanie ironisch: Ach Schatz, du willst mich nach Acapulco einladen? Süß von dir! Fliegen wir ab.
Acapulco, am Strand. Sie gehen am Meer entlang.
Viktor: Siehst du, ich kann richtig im Sand gehen, ich spüre den Sand unter meinen Füßen, das ist toll!
Melanie: Ich spür’s auch. Du siehst so gesund aus, plötzlich so gebräunt, irre. – Da fällt mir ein: In meinem früheren Leben habe ich gern die Geschichte gelesen, wie das Medium Gladys Osborne Leonard ihren Mann Frederick getroffen hat, der vorher gestorben war.
Viktor: Wie war das?
Melanie: Sie hat Gartenarbeit gemacht, sich nachmittags kurz hingelegt, und – hui, war sie bei ihm. Er sagte ihr, sie solle allen mitteilen, wie schön es sei. Er war jung und gesund.
Viktor: Das war wohl in unserem Acapulco, wo wir jetzt auch sind. Das himmlische Acapulco, das Duplikat in unserer Welt.
Melanie: Klar, sonst würden wir den Sand nicht spüren. Am Strand des irdischen Acapulco, ich sag jetzt des unechten Acapulcos, würden wir nur dahingleiten, keiner würde uns sehen, und was sollten wir mit einem Caipirinho?
Sie bleiben stehen.
Melanie: Was meinst du, wie die feiern? Wir müssen ja nicht schlafen, nicht essen, nicht arbeiten, und es gibt weder Alkohol noch Rauchen.
Viktor: Tanzen werden sie wohl. Glücklich sind sie auch so.
Melanie: Wie ist das mit Sex?
Viktor: Azrael hat nur Andeutungen gemacht. Er meint, Sex auf der Erde sei nur ein schwacher Abglanz von Sex hier – aber das Wort passt gar nicht, meint er. Es ist ein vollständiger Austausch von Energie. Auch möglich mit den Angehörigen anderer Planeten übrigens.
Melanie: Muss man das lernen?
Viktor: Es ist, glaube ich, nicht so stressig wie drüben, und es passiert, wenn es an der Zeit ist. Es passiert einfach.
Melanie: Letztlich ist alles hier doch wie auf der Erde, nur tausend Mal schöner.
20
Franka trifft Melanies Mutter im Einkaufszentrum.
Mutter: Franka! kommt von hinten
Franka: Gerda! Ergreift sie bei den Händen.
Gerda: Wie geht es dir?
Franka: Und wie geht es dir?
Gerda: Wir haben beide einen wichtigen Menschen verloren. Wie kann es uns wohl gehen.
Franka: Und so knapp hintereinander. Ein schwacher Trost. Schon verrückt. Was das wohl bedeutet?
Gerda: Sie sind alle zusammen, meine ich.
Franka: Da bin ich nicht eifersüchtig.
Gerda: Bis dass der Tod euch scheidet. Wenn die Toten leben, ist das natürlich Unsinn. Dann gibt’s keine Trennung.
Franka: Eine Trennung ist es aber doch. Eine entscheidende Trennung.
Sie stehen da und sehen sich an.
Gerda: So wie diese Ehe war, glaube ich nicht, dass Melanie und Viktor miteinander reden.
Franka: Viktor hat wenig davon erzählt. Aber zehn Jahre waren es doch.
Gerda: Das beschäftigt dich. Man hat immer wissen wollen, wer mit wem zusammen ist im Jenseits. – Melanie jedenfalls war unzufrieden. Da musste immer was passieren. Und es passierte wenig.
Franka: Viktor war etwas lethargisch manchmal. Wie alle Männer, bequem eben. Bis man ihn endlich zu einem Urlaub überredet hatte!
Gerda: Und dann ist alles vorbei. Denkt man sich nicht. Irgendwann kennt man mehr Tote als Lebende. Oder sagen wir: Die da drüben kennen wir besser als die hier.
Franka: Trotzdem muss es weitergehen. Ich suche die Kaffeefilter. Und Brombeermarmelade.
Gerda: Ich brauche Grillkohle und eine gute Flasche Roséwein.
Franka: Also gehen wir wieder auf Expedition.
Gerda: So haben wir zu tun. Das lenkt ab. Viel Glück, Franka.
Franka: Viel Glück auch für dich. – Sie gehen auseinander.
21
Viktor steht in einer blühenden Landschaft. Er wartet. Plötzlich ist Azrael hinter ihm. Er dreht sich um.
Viktor: Azrael! Wie war das Fest? Du leuchtest so, ich muss richtig Abstand halten. Melanie ist übrigens bei einem anderen Team, kurzfristig.
Azrael: Ja, da wurde eine Menge spiritueller Energie frei. Ich kann dir das nicht beschreiben. Das ist wie … wie ein Rockkonzert, wie der beste irdische Sex, nur tausendmal stärker. Glaub nicht, dass sich das abnützt. Manche da drüben brauchen Arbeit, um die Freizeit erst genießen zu können, und dann sagen sie, ‚Oh wie toll, ich muss nicht arbeiten’. Und andere leben selig ohne Arbeit, ruhen in sich. – Ihr habt euch sicher gefragt, warum ihr beim Fest nicht dabei wart. Ihr könnt das noch nicht ertragen. Ihr braucht noch Schulung. Wir haben Margo jedenfalls würdig hinausbegleitet. Ein Teil von ihr ist noch bei uns.
Viktor: Und du?
Azrael: Was – ich?
Viktor: Willst du nicht auch aufsteigen?
Azrael: Ach, das hat keine Eile. Ich bin zu gerne hier. Es drängt mich noch nicht. – Du musst wissen (er hakt Viktor unter; sie gehen),dass viele keine Eile haben. Darum können die Menschen auch Verstorbene anrufen, die schon 60 oder 70 Jahre tot sind. Manche halten sich noch lange zur Verfügung. Wenn die unten wüssten, wie schön das ist für uns, gerufen zu werden. Wir helfen gern.
Viktor: Kommen wir heute zu meinem Team?
Azrael: Auch das hat keine Eile.
Sie gleiten in ein Schloss.
Azrael: Muss ich dir noch zeigen: das Komitee Friede auf Erden. Auch das ist leider eine ungeliebte Tätigkeit – wieder was für Geister, die zu büßen haben. Maklun ist hier.
Maklun: Friede, Azrael!
Azrael: Ja, Friede für dich auch. Viktor sieht sich die Teams an.
Maklun: Segen, Viktor! Wir hier sollen für mehr Frieden auf Erden wirken. Schwierig. Konkret müssen wir Politiker, Militärs und sonstige Kämpfer zu beeinflussen suchen. Du kannst natürlich Leuten im Traum Gedanken eingeben, ihnen bei Konferenzen etwas einflüstern, doch leider handelt es sich da um besonders starrsinnige Zeitgenossen. Wir erfahren auch von geplanten Attentaten, aber da geht nichts, das wird durchgezogen, wir können höchstens ein paar Leute beeinflussen, dass sie nicht in die Nähe gehen. – Es ist ein undankbares Gewerbe. Da explodiert gleich eine Bombe auf einem Markt, wir schwärmen aus, aber neun von zehn müssen eben zum Markt und gehen hin. Die sind einfach taub. Und dann sind sie hier.
Viktor: Sie sind aber doch zerstückelt, explodiert.
Azrael: Nur ihr irdischer Körper. Den Astralkörper zerstört nichts. Aber es dauert in irdischen Begriffen ein paar Wochen, bis sie wieder intakt sind. Jedenfalls: Wichtige Arbeit. Es könnten ja mal Erfolge eintreten.
Maklun: Könnten. Ja. Das ist auch eine Sache der Kreativität. Wir diskutieren oft und testen etwas. Manchmal finden wir eine Frau und schaffen es, dass wir durch sie auf einen Politiker einwirken können. Gedanken einflüstern reicht nicht. Das sind sehr komplexe Operationen. Frische Kräfte wären da durchaus erwünscht. Ich würde Viktor sofort nehmen.
Azrael: Ich bringe dir morgen zwei gute Kandidaten. Viktor ist schon eingeplant, er ist begabt für die Soulmate-Zusammenführung.
Viktor: Aha, das ist mein Team.
Azrael: Jetzt weißt du es. Doch nach diesem Zwischenspiel geht es noch zu den Dämonenbekämpfern. Vielleicht erwacht ja plötzlich die kriegerische Seite in dir, denn du musst wissen, wir sind nicht allwissend. Zu Maklun Aber ihr habt viele regionale Teams, stimmt’s?
Maklun: Stimmt. Starke Teams in Mexiko für den Drogenkrieg, im Kongo .. Wir stehen untereinander in Verbindung, und sobald es internationale Verflechtungen gibt, sind wir zur Stelle. Ich weiß gar nicht mehr, seit wann ich das hier tue. Ich glaube, ich habe im Ersten Weltkrieg angefangen, da endete, glaube ich, mein Leben auf der Erde. Aber auch du wirst dein Leben langsam vergessen, Viktor. Wir sind eben hier. Alles Glück, Viktor.
Viktor: Danke.
Azrael: Gute Arbeit, Maklun.
Morgen dann Teil 10.