Physik der Unsterblichkeit
Zugegeben, mit diesen Zeilen über das Buch Die Physik der Unsterblichkeit von Frank J. Tipler komme ich 30 Jahre zu spät, denn das Buch erschien schon 1994. Dann hat der 1947 im US-Staat Alabama geborene Autor 2008 noch Die Physik des Christentums vorgelegt. Ein schönes Beispiel für die Überheblichkeit der Naturwissenschaften; man muss das nicht ernst nehmen.
Ich werde das schreiben und dann das Buch weggeben. Natürlich ist Tipler von Physikern und Theologen gleichermaßen angegriffen worden; am Ende des Buchs schreibt er locker, Theologie und Religionen seien »Zweige der Naturwissenschaften« und meint auch, das belegen zu können. Man hat das Gefühl, der Autor habe die christliche Lehre vom Jüngsten Gericht hergenommen und sie physikalisch formuliert, um damit zu zeigen, dass zuerst die Physik war.
Zunächst meint er, der ewige Fortschritt werde dazu führen, dass die Menschheit aussterbe. Der Omegapunkt ist seine Umschreibung von G*tt. Dort geht es hin, wir gehen dem Wärmetod des Universums entgegen.
Wenn der Aufstieg des Lebens zum Omegapunkt eine Tatsache ist, dann wird das am weitesten entwickelte Bewusstsein eines Tages zwangsläufig nichtmenschlich sein. Die Erben unserer Kultur müssen eine andere Spezies sein, und deren Erben wieder eine andere – ad infinitum bis hin zum Omegapunkt. … Beim derzeitigen Tempo werden die Computer in der Verarbeitung und der Aneignung von Information wahrscheinlich binnen eines Jahrhunderts menschlichen Standard erreichen, ganz sicher innerhalb der nächsten tausend Jahre.
1994 waren die ersten Erfolge der Gentechnik erst 20 Jahre alt, und 3 Jahre zuvor war die erste Website online gestellt worden. Nun spricht alles von der Künstlichen Intelligenz, und so ganz unmöglich ist es nicht, was Tipler schreibt. Er möchte uns aber Hoffnung geben und schreibt, die universelle Wiederauferstehung sei physikalisch möglich. Die Computerkapazität werde so stark anwachsen, dass es möglich werde, eine »exakte Simulation unserer heutigen Welt« herzustellen, mit »allen möglichen Varianten unserer Welt«. Dann weicht er etwas zurück:
Man könnte versucht sein, die Moral solcher Wiedererweckungen durch schiere Kraft in Frage zu stellen: nicht nur Tote werden wiedererweckt, sondern auch Menschen, die nie gelebt haben.
Doch die Physik sage,
dass alle Menschen, die existieren können, tatsächlich existieren. Sie existieren nur nicht auf unserer Bahn im Phasenraum.
Ω Ω Ω
Tut das der Omegapunkt oder der Mensch? Wohl der Mensch mit seiner »Computerkapazität«. Man hat das Gefühl, die Hybris (Überheblichkeit) der Natur- und Computerwissenschaftlers habe hier seinen Höhepunkt erreicht: Der Mensch erschafft die Schöpfung neu und perfekt, in allen ihren Verästelungen. Der Mensch verdrängt den Omegapunkt.
Und wenn so grob gesprochen 900 Milliarden Wesen entstehen, und etwas darunter sein sollte, das ich als »Ich« erkenne – wäre das eine Wiederauferstehung zu nennen? Dieser ganze Irrsinn ist gedanklich gar nicht richtig zu fassen, da hat der Physiker sämtliche Grenzen gesprengt und ist in ein Niemandsland vorgedrungen. Insofern ist Die Physik der Unsterblichkeit nur ein Dokument des Wahnsinns technischer Machbarkeit, und als solches sollte man es sehen – und damit am besten auch übersehen.