Flugverkehr (189): Die Frau des Piloten
Eine andere Identität annehmen (wie Miguel Littín gestern). Wir könnten ein/e andere/r sein. Diesen Körper haben wir nur temporär. Anita Shreve (1946-2018) hat dazu in ihrem Roman Die Frau des Piloten eine Variante geliefert: ein Doppelleben. Wir könnten auch nebenher mit einem anderen Partner leben und führten dadurch zwei Leben.
Drei Uhr am Morgen. Ein Mann steht vor Kathryns Tür und will eintreten. Er sieht vertrauenerweckend aus. Er fragt: »Ms Lyons?« Da weiß sie alles. Jack, ihr Mann, lebt nicht mehr. Der Pilot ist, wird sie gleich erfahren, mit 102 Mitreisenden und der Maschine vor der irischen Küste ins Meer gestürzt. Alle tot. Die erste Hypothese: Piloten-Suizid. Kathryn will es nicht glauben.
Bei ihrer Recherche stößt sie auf den Frauennamen Muir, fliegt zu ihr nach London und erfährt die Wahrheit: Jack war mit Muir zusammen. Er, der angebliche Atheist, hat sie kirchlich geheiratet und gab sich fromm. War also Bigamist und hatte 4 Kinder mit 2 Frauen. Wie hat er das nur hingekriegt? Anstrengend muss das sein; aber so erweitert man sich, denn man lebt zwei Leben. – Am Ende kommt heraus, dass es nicht Selbstmord war, sondern eine eingeschleuste Bombe.
Dieses Doppelleben interessiert mich nicht sehr, wie kann man sich so etwas antun? Doch Piloten-Suizid … Wie kann man so vielen anderen den Tod antun? Es ist ein über alle Maßen erweiterter Selbstmord, was einen in der Anderen Welt für Jahrhunderte blockieren wird. Man hat sich unendliche Schuld aufgeladen. Und in der Luftfahrt ist es ein Tabu-Thema.
Doch sind es verschwindend wenige Fälle: 10 sind von 1982 bis heute bekannt. Jeden Tag rechnet man mit 100.000 Flügen weltweit, manchmal sind 24.000 Maschinen gleichzeitig in der Luft. Das macht 30 Millionen Flüge in einem Jahr und 1,2 Milliarden Flüge in 40 Jahren. Dagegen 10 Abstürze durch Piloten-Suizid. Doch es ist vorgekommen. Alles, was dunkle Fantasien einem eingeben, ist schon einmal passiert, streifen wir also kurz 4 Beispiele, Wikipedia ist da sehr detailliert, da kann man noch mehr erfahren.
Der GermanWings-Flug am 24. März 2015. Der Kopilot lenkte die Maschine an einen Berg in Südfrankreich, 150 Menschen starben. Es gibt keinen Zweifel daran. – Noch nicht völlig geklärt ist der Absturz einer Air-India-Maschine am 12. Juni 2025 gleich nach dem Start in Ahmedabad in Indien, der 260 Menschen das Leben kostete. Jemand hatte die Treibstoffzufuhr auf Cut-off gestellt, wohl einer der Piloten; man kann nicht glauben, dass dies durch eine Panne geschah. Ein Pilot fragte den Kollegen noch: »Warum hast du …?« Der Kollege verneinte, der Hebel wurde umgelegt, doch es war zu spät, die Maschine gewann nicht mehr an Höhe.
Am 30.10.1999 flog Egypt Air von Los Angeles über New York Richtung Kairo. Nach New York schaltete der Erste Offizier Gamil el-Batouti die Triebwerke ab. Das Flugzeug ging in den Sturzflug; der Kapitän griff ein und brachte die Maschine noch auf 7300 Meter, doch ohne Triebwerke hatten sie keine Chance, und es ging rasant bergab. 11 Mal sagte el-Batouti, er vertraue Allah. 217 Menschen starben. Die ägyptischen Stellen mauerten und beharrten auf technischen Defekt, doch US-Experten waren sich sicher, dass der Ersatzpilot eingegriffen hatte.
Im Februar 2022 stürzte eine Maschine auf einem Inlandsflug in China ab. 132 Tote waren zu beklagen. Nach einer Stunde und 11 Minuten in der Luft ging das Flugzeug senkrecht hinunter, weil die Triebwerke abgeschaltet worden waren. Auch hier versuchte der andere Pilot alles, doch er schaffte es nicht mehr. Was sich da im Cockpit abgespielt haben mag!
Verwandter Artikel:
Flugverkehr (79): Der Flug 9535 Bacelona – Düsseldorf – 150 Tote – Fearless

