Illegal in Chile

Aus einem Regal befreite ich ein Buch von Gabriel García Marquez, Die Abenteuer des Miguel Littín. Ich nahm es mit nach Bayern im Mai und las es im Haus meines Freundes Hans, der 10 Jahre in Chile verbrachte und eine chilenische Ehefrau hat, Claudia. In dieser kongenialen Atmosphäre sah ich auf Youtube auch noch den Film, um den es geht. Perfecto!

Wir erinnern uns: An einem 11. September gab es (2001) nicht nur den Terroranschlag von New York, sondern auch, viele Jahre davor (1973), den Militärputsch in Chile, der General Pinochet an die Macht brachte. Drei Jahre hatte der Sozialist Salvador Allende regiert, als Panzer den Präsidentenpalast La Moneda angriffen. Allende erschoss sich am Schreibtisch mit einer Kalschnikow, die ihm Fidel Castro geschenkt hatte.

Viele Jahre der Unterdrückung folgten. 30.000 Menschen wurden inhaftiert und 3000 ermordet. Von 1500 Menschen fehlt auch heute noch jede Spur, das Regime ließ sie verschwinden und vermutlich töten. In dem Film, der gleich erwähnt werden wird, sehen wir Bilder der Vermissten mit der Frage: Donde estan? Wo sind sie?

 

Literatur-Nobelpreisträger García Marquez unterhielt sich mit dem Regisseur Miguel Littín (heute 83 Jahre alt), der 1985 in Chile einen Film drehen wollte. So entstand das Buch. Der Film kam auch zustande und hieß Acta de Chile / Miguel Littín, clandestino en Chile und ist auf Youtube zu sehen. Wunderbar ist die Folklore-Musik von Angel Parra, dem Sohn von Violeta Parra, die das unvergessene »Gracias a la vida« gesungen hat.

In dem Film wird viel geredet, viele Oppositionelle äußern sich, und wir reisen von Nord nach Süd und umgekehrt. Wahnsinnig spannend ist das nicht. Packender ist die Geschichte des Films. Littín musste illegal nach Chile kommen. Man verpasste ihm einen neuen Pass und eine andere Identität. Er trug plötzlich elegante Klamotten und war Uruguayer, deren Dialekt er so ungefähr beherrschte. Schwer fiel es ihm, in die andere Identität zu schlüpfen. Sogar seine Mutter erkannte ihn nicht, als er sie besuchte.

Ich war 1989 und 1998 in Chile. Ein Bild aus Santiago

Drei Teams waren tätig, die nichts von der Existenz der anderen beiden wussten. Das französische Team drehte im Norden, das italienische in der Hauptstadt Santiago und das holländische Team im Süden. Wenn der Regisseur zu einem geheimen Treffen ging, wechselte er bis zu vier Mal das Taxi, um etwaige Verfolger abzuschütteln. Alles ging gut, sogar im Präsidentenpalast filmten sie mit der Angabe, dessen Architektur sei so interessant. Pinochet kam auch mal vorbei.

Ein Kapitel im Buch heißt Auch die, die blieben, gingen ins Exil. Unter einer Militärdiktatur hält man am besten die Klappe und versucht, nicht aufzufallen. Es waren dunkle Jahre für Chile. Ich besuchte Hans schon kurz nach seiner Ankunft, im Winter 1989. Wir fuhren 1000 Kilometer auf der Panamericana, und einmal war gleichzeitig mit uns Patricio Aylwin mit seinem Stab im Hotel, der 1990 neuer Präsident werden sollte. Das Volk hatte abgestimmt, es wollte die Demokratie, und 16 Jahre unter Pinochet endeten. Der Diktator starb 91-jährig im Dezember 2006, ohne für seine Taten belangt worden zu sein.

Santiago und die Anden in der Ferne sehen wir oben. – Chile erlebte einen Aufschwung, hatte von 2006 bis 2010 und von 2014 bis 2018 mit Michelle Bachelet sogar eine Präsidentin. Das Land wurde für lateinamerikanische Verhältnisse wohlhabend. Ein vorläufiges Happy-End – wie auch damals, 1985, für Miguel Littín, der schließlich sagte:

Das war nicht die heroischste Tat in meinem Leben, aber die würdigste.  

 

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