Rückkehr ins Leben (29): Gertruds wundersame Rettung

Mal wieder die Geschichte einer misslungenen Hinrichtung, gefunden im Badischen Hausbuch aus dem Rombach-Verlag. Der Reiseschriftsteller Aloys Schreiber (1761-1841) erzählte die Geschichte unter dem öden und irreführenden Titel Der Hexenturm in Bühl. Es war die Zeit der »unseligen Hexenprozesse«.

Natürlich ist das eine schöne Legende wie aus Heiligenbüchern, doch sie kann gefallen, denn sie steht für etwas, das wir uns alle wünschen: göttliche Gerechtigkeit. In Bühl in Nordbaden, wo der Hexenturm die Haftanstalt der armen Frauen war (wir sehen rechts ein Bild des Hexenturms von Jülich, ganz weit oben im Land; es ist von Wikimedia Commons), hatte eine Mutter eine schöne, tugendhafte Tochter, auf die das Auge des Schlossvogts fiel, eines bekannten Wüstlings. Gertrud reagierte nicht auf seine Avancen. Als sie Weihwasser auf den Acker goss und danach Heuschreckenschwärme und ein Hagel alles radikal verwüsteten, klagte der Vogt Gertrud als Hexe an, und Schreiber schrieb:

Keine Anklage fand in jener Zeit leichteren und allgemeineren Glauben, als die auf ein Bündnis mit bösen Geistern lautete. 

Gertrud sollte nun gefoltert werden. Sie bat um einen Beichtvater, was man ihr nicht verwehren konnte. Nun weiter im Text:

Dieser war ein frommer Mann, in dessen Herzen die Sprache der Unchuld und Wahrheit immer offenen Eingang fand und welcher keine Menschenfurcht kannte. Er überzeugte sich auch alsbald von der Unschuld der Jungfrau, nachdem er ihre Beichte vernommen, zumal da ihm die Lasterhaftigkeit des Vogts nicht fremd war. Sein Zuspruch erweckte in Gertrudens Herzen einiges Vertrauen. »Es lebt ein Gott, welcher die Unschuld beschützt«; – sprach er, ihr die Hand zum Segen auflegend, – »verlass dich auf Ihn!« 

Mit hoher Zuversicht erfüllt, betrat nun die Jungfrau die Folterkammer; kaum fiel aber ihr Blick auf die Marterinstrumente, als plötzlich alle mit Gerassel zersprangen. Selbst des Henkers Gesicht überflog Totenblässe, und nur der anwesende Schlossvogt verlor die Fassung nicht, sondern rief: »Da seht ihr die schlimme Zauberin! Ist das nicht abermals ein Werk des Teufels? Was braucht ihr denn jetzt noch mehr Beweise? Verdammt die Hexe nur ohne weiteres zum Scheiterhaufen!« – Dies geschah nun ohne Widerrede.

Der verhängnisvolle Tag brach an; der Scheiterhaufen war aufgerichtet mit einem hohen Pfahl in der Mitte, an welchen die Verurteilte festgebunden werden sollte. Eine unzählbare Volksmenge war von allen Seiten herbeigeströmt. Der Pfarrer geleitete die Dulderin auf diesem ihrem letzten Gange und sprach ihr Mut ein: »Er, so dich der Qualen der Folter überhoben, kann dich auch vom Tode befreien!« – Gertrud bewahrte ihre Heiterkeit und Ruhe.

Oben sehen wir, was ihr bevorstand: Witch Burning (Brennende Hexe), ein altes Bild (Wikimedia Commons).

Sie bestieg jetzt den Holzstoß und ließ sich geduldig an den Pfahl binden, während ihr Seelsorger in ihrer Nähe stehenblieb. Tiefe Stille herrschte rings im weiten Kreise der Zuschauer; in vielen Augen zitterten Tränen. Da wurde das Zeichen gegeben und der Holzstoß an drei Seiten in Brand gesetzt. 

Aber plötzlich rauschte aus einer mächtigen schwarzen Wolkenmasse, die von Abend heraufgezogen war, ein gewaltiger  Schlagregen nieder, der sogleich die Flammen auslöschte, und im nämlichen Augenblicke lösten sich die Bande der Jungfrau, und sie sank auf die Knie und hob die gefalteten Hände zum Himmel. Der Pfarrherr aber rief dem versammelten Volke zu: »Seht hier das Zeichen vom Himmel! Gott hat gerichtet, denn die Menschen haben keine Macht über die Elemente!«

»Gott hat gerichtet!« – wiederholte mit Gejubel die Menge und stürzte auf den Schlossvogt los, der nicht weit vom Scheiterhaufen zu Pferde hielt, nun aber in der schleunigsten Flucht Rettung vor der Wut des Volkes suchte. Der Herr von Windeck jedoch ließ ihn, als ihm die Geschichte hinterbracht wurde, sogleich in denselben Hexenturm werfen. Einige Zeit darauf fand man den Verzweifelten darin mit seinem eigenen Gürtel erhängt.

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Würde das Volk nur öfter explodieren vor Wut und die Bösen attackieren! – Mir fiel bei der Lektüre auf, dass Schreiber häufig den Semikolon (;) einsetzt (na ja, vier Mal) und auch Gedankenstriche. Diesen Semikolon mag ich, er ist so versöhnlich und schließt nicht hart ab wie ein Punkt. Als ich mich damals, 1979, auf die Jornalistenschule vorbereitete, las ich viel von Heinrich Heine, am liebsten seine Korrespondentenberichte aus Paris, und so habe ich mir auch den Semikolon angewöhnt.

 

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