Die Rose von Cernobbio

Erst wollte ich nicht, dann musste ich: das Büchlein Rosen aus einem Second-Hand-Regal mitnehmen. Seit dem Erlebnis mit Hildegard (Link unten) befasse ich mich gern mit Rosen, und der kleine Band aus der Manesse Bibliothek der Weltliteratur (Zürich) bietet viele Erzählungen, die man nicht kennt. Vorzüglich. Eine will ich hervorheben.

Es ist die Erzählung Die Rose von Cernobbio von Eduardo Mallea (1903-1982). In einem entfernten trostlosen Viertel der Hauptstadt betreibt Nicolas Cusa unterhalb einer Eisenbahnbrücke einen kleinen Blumenladen, der kaum etwas abwirft. Seine Tochter Berta nimmt er aus der Schule, damit sie Blumen verkauft, er selber geht ins Gasthaus und lebt in der Hoffnung auf die prunkvolle Rose von Cernobbio, die man ihm baldigst zuschicken und die sein Schicksal wenden wird.

Cernobbio liegt ja am Westufer des Lago maggiore, also in Italien. Wo lag denn der Blumenladen? Im Tessin? Nein, das kam alles so fremdartig daher. Dann las ich, dass der Autor, Mallea, Argentinier war und in einem Atemzug mit Jorge Luis Borges und Ernesto Sábato genannt wird. Mallea hat die Bewegung Neuer Roman gefördert und den Modernismo, jedenfalls war er vorndran. Das hat mich gleich fasziniert. – Wir sind also am Rand von Buenos Aires. Sonst: sehr symbolisch. Es fängt ja schon mit Nicolas Cusa an, der fast wie Nicolaus de Cusa heißt, deutsch Nikolaus von Kues (1401-1454), ein Kirchenfürst und Philosoph, der als Neuplatoniker Gegensätze zu einer Einheit bringen wollte.

Immer wieder die Hoffnung auf die Rose von Cernobbio. Sie soll kommen; dann folgt ein Brief: Frost sei eingetreten. Wieder nichts. Berta redet mit ihren Blumen und leidet unter ihrem Vater, der alles, was ihm schiefgegangen ist, auf die ausgebliebene Rose schiebt. Berta denkt sich: Wenn diese verdammte Rose, diese Teufelspflanze, nur endlich eintreffen würde! Sie wird für sie zu einem dunklen Objekt. Eines Abends murmelt Berta vor sich hin:

An dem Tag, an dem die Rose von Cernobbio ankommt, werde ich fortgehen. Sie kommt mich abholen!

Das kam ganz spontan aus ihr heraus und wurde wieder vergessen. Ein junger Mann interessiert sich für sie: Ismael Gamarrera, junger Kassierer einer aufstrebenden Firma. Er kauft ihr oft einen Strauß Rosen ab. Sie kommen sich näher, er will um ihre Hand anhalten, da – stirbt der Vater. Hochzeit wird dennoch gefeiert, das Leben geht weiter. Berta verlangt, weiter Blumen verkaufen zu dürfen. Dann, sie weiß nicht, wie ihr geschieht, fällt Traurigkeit über sie, große Unruhe stellt sich ein. Wochenlang lebt sie wie im Fieber und drängt Ismael, sie sollten eine Reise unternehmen.

Die Reise verzöget sich endlos, weil es für Ismael schwierig ist, Urlaub zu bekommen. Eines Morgens ist es soweit. Um sechs Uhr verlassen sie das Haus, der Bahnhof ist nicht weit. Auf den letzten Metern aber triff Berta der Schlag.

Sie sprang auf, verwundet, todmatt. Sie fasste sich mit ihrer bleichen Hand an die Kehle. … Dann ließ sie den Kopf nach hinten fallen, die Augen starr und offen, die Stirne kalt und feucht. 

Ismael bettet sie auf die Erde und rennt zurück in die Wohnung, ein Fläschlein Gin zu holen, das sie beleben könnte. Er hat es schon, das Fläschchen, geht hinaus, da kommt ihm jemand entgegen. Ein Junge hält ein Paket, das größer ist als er selbst.

Die Verpackung ließ den Inhalt sehen. Da wusste Ismael, dass er zu spät kam. Entsetzt erkannte er: es war, sorgfältig verpackt, die edel gewachsene, strahlende, trotz der langen Reise frisch gebliebene, erstaunlich lebendige gold-violette Rose von Cernobbio!   

 

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