Ich – ein Team? (5)

Heute kommen wir zum Namen, über den man sich schon einmal Gedanken machen kann. Er gilt für diese Inkarnation, wir hängen an ihm, sollten uns jedoch eher wie Schauspieler betrachten, die auch einmal eine andere Rolle spielen und einen neuen Namen tragen können. Damit fängt der folgende Abschnitt auch an.

Der Name

Wenn wir ein Wesen auf die Welt bringen wollen, ist es wichtig, ihm einen Namen zu geben. Das ist schon der erste Schritt. Wir sind in dieser Inkarnation durch unseren Namen fixiert; er ist der Ursprung unserer Absonderung, er macht uns einzigartig. Doch wenn wir an unseren Seelenkomplex denken, der in der anderen Welt auf uns wartet – wie heißt unsere Gesamtseele denn? Andere Aspekte unseres Selbst hatten andere Namen, wir (als Seele) sind wie Schauspieler, die schon wer weiß wie viele Rollen gespielt haben.

Seth meinte:

Die private Psyche ist extrem kreativ … sie hat keinen Anfang und kein Ende. Deine Existenz ist namenlos. Was du bist, kann nicht gesagt werden, und kein Buchstabe und kein Alphabet können sie enthalten 

Ein Meister des Fernen Ostens sagt zu seinen Adepten:

Ihr könnt den all-weisen, intelligenten Geist Gott oder Güte nennen oder wie ihr wollt, da der Mensch einen Namen für alles braucht. Wenn er dann ein Ding benannt hat, besitzt er die Macht, es ins Leben zu rufen. Wenn der Mensch irgendetwas mit echter Ehrerbietung, Anbetung und Lob benennt, kann und wird er das werden, was er benannt hat. 

Diesen Namen anzurufen, gibt dem Wesen, das diesen Namen trägt, Kraft. Und der Heilige erscheint, Maria gibt sich zu erkennen, Wunder geschehen: weil der Mensch schöpferisch ist; ein kleiner Gott in seiner Welt. (Und auch konträr gilt das. Ein früherer Kollege sagte gern: »Gib einem Hund einen schlechten Namen – und häng ihn auf!«)

Shiva im Hinduismus ist die unsichtbare potenzielle Kraft, die aber Shakti braucht, die dynamische Kraft, um etwas zu erschaffen. Gottes Energie wirkt überall, doch muss sie nutzbar gemacht werden. Damit sie wirken kann, müssen Engel und Geistführer als Mittler sie, die Energie, zu uns herabbringen (oder herbeibringen; sie ist nicht unbedingt oben).

Ibn Arabi:

Sie reisten andauernd, die Reise fort ist eine Reise zu Ihm, von einem Namen zu einem anderen. — Schöne Frauen sind wie die  göttlichen Namen.

Gershom Scholem:

Alles Lebendige besteht letzten Endes durch die Sprache Gottes, und was könnte letzten Endes Offenbarung anderes offenbaren als Gottes Namen?

Seth bekam einen Namen, obwohl er behauptete:

Ich hatte zu viele Identitäten, um auf einen Namen zu bestehen.

Er sei auch so viele Male gestorben und manchmal auf derart bizarre Art, dass er sich über nichts mehr wundere.

Bei Naturvölkern erhält der Schwerkranke nach der Genesung zuweilen einen neuen Namen, weil er, wieder gesundet, ein anderer sei. Beim Eintritt ins Kloster nimmt die Nonne einen extra Namen an: Sie beginnt ein neues Leben. Auch diejenigen, die eine Nahtod-Erfahrung hinter sich haben, sollten sich eigentlich einen neuen Namen zulegen: Sie sind nicht mehr die von früher. Sind wir nicht jeden Tag neu? Wer sind wir von letztem Jahr? Schauspieler kennen das. Sie leben sich immer in eine neue Rolle ein und wundern sich nicht.

Bei den alten Ägyptern war der Name (REN) magisch und heilig. Es war gefährlich, wenn der Verstorbene seinen Namen vergaß. Kannte er den Namen eines Geistes oder eines Gottes, behielt er diesen in seiner Macht. Für den Verstorbenen war es gefährlich, seinen Namen vergessen zu haben; wusste er hingegen den Namen eines Geistes oder eines Gottes, behielt er diesen in seiner Macht.

Auch im Märchen ist das so. Der Zwerg tanzte froh um in Feuerchen und rief aus: »Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!« Ein Bote der Königstochter hörte das und gab den Namen weiter, und der Bann war gebrochen.

Im Ägyptischen Totenbuch, diesem uralten Dokument, wird der Verstorbene, in der Barke reisend, von allen deren Teilen gefragt, wie sie denn hießen? Der Kiel, der Bug, der Anker, die Ruder — alle wollen wissen, wie sie in Wirklichkeit heißen: Meinen Namen sollst du erraten! 22 Mal gibt der Tote die richtige Antwort und darf dann zu den Göttern ausrufen:

Seht, erzwungen hab ich die Bahn, und zu euch
Lenk ich nun meine Schritte! Bewilligt denn meinem Munde
Die Gabe der Toten, auf dass ich, durch sie
heil geworden und kräftig,
Die Worte der Macht auszusprechen vermag. 

Aber das genügt noch nicht. Um in die Halle der Gerechtigkeitsgöttin Maat eintreten zu können, fragen ihn Schwelle, Sims und Riegel, wie sie in Wirklichkeit heißen. Und alle Instrumente beim Fischfang wollen recht benannt sein. Ja, bei magischen Operationen ist die Nennung des Namens entscheidend.

Der König ist hingegen eine sinnbildliche Gestalt, er bekommt bloß einen Vornamen mit einer römischen Ziffer: Karl der Fünfte. Der Herrscher von Gottes Gnaden. Unpersönlich wie ein Engel.

 

Morgen Teil sechs

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