Ich – ein Team (4)
So lang sind die Stücke ja bislang nicht, doch insgesamt hat das Kapitel 36 Seiten, da werden wir wohl auf 10 oder 12 Teile kommen. Doch ich finde es durchaus unterhaltsam (wie alles, was ich so geschrieben habe). Und lehrreich.
Wie werden wir erfunden?
Wie entsteht die Persönlichkeit?
Oder: Wie entsteht überhaupt etwas?
Der deutsche Biologe Hans Driesch versuchte sich einmal vorzustellen, wie ein Individuum entsteht, und er dachte sich: vielleicht so, wie sich bei der Identitätsstörung ein Alter ego bildet. Ein Menschenwesen könnte entstehen, indem es sich aus einer größeren geistartigen Struktur auskoppelt.
Als neugeborenes Kind lebt es in einer Einheit mit der Natur, und Welt und Gott und Mitmenschen sind eins. Man könnte es sich denken wie bei Urmenschen, die im Wald groß wurden und im Ungeschiedenen lebten. Um sich als Individuum aus diesem Zustand zu befreien, um ein Mensch zu werden, benannte es alles, was es sah, und es benannte Frauen (und Männer), und die Welt wurde vielfältig, und es musste auf viele Situationen reagieren.
Lurias Kabbala: das Zerbrechen der Sefirot (Schalen) von Tohu trennt einen Teil des Lichts ab, und das bringt Verschiedenheit und Vielfalt in die Schöpfung. Das Zerbrechen der Gefäße gestattet es, dem Bösen zu folgen und gibt dem Menschen eine freie Wahl.
Wir waren das, was wir sein werden; und wir waren einmal ganz: bei der Geburt. Nathan Schwartz-Salant zitiert Jung:
Die Welt des Vaters bezeichnet offenbar eine Zeit, die durch die ursprüngliche Einheit … mit der ganzen Natur charakterisiert ist. Es ist ein hingenommener unreflektierter Zustand, ein bloßes Wissen um ein Gegebenes ohne intellektuelles oder moralisches Urteil.
Der Therapeut erläutert, dass Jung als Ausgangspunkt für den Erwerb einer inneren Struktur ein ganzheitliches Objekt ansieht. Es lässt sich sagen, dass ein Kind aus dieser Sicht ein »Kind Gottes« ist, das bei der Geburt nicht in einem autistischen oder vorgeburthaften Zustand ist, sondern ein göttliches Objekt in sich trägt.
Fairbairn (14) spekulierte, dass sich das ganzheitliche Objekt in ein libidinöses Ich, in ein antilibidinöses Ich und in ein zentrales Ich spaltet.
Auch die Alchemisten nahmen an, dass es zuerst einen Urstoff gab. Alles, was existiert, kann auf diesen Urstoff zurückgeführt werden, und dann können neue Körper gebildet werden. Nichts geht dabei verloren.
Dieses Eine war für die Alchemisten des späten Mittelalters eben der Urstoff. Ein Fragment des Heraklit von Ephesus lautet: »Aus Allem Eines und aus Einem Alles«, und das sprach für die Möglichkeit der Transformation der Metalle zu Gold.
Aus dem Urstoff entspringen die dualen Gegensätze: oben – unten; gut – böse etc, und die zwei Prinzipien der Alchemie Sulfur und Merkur, die auch mit weiblich und männlich gleichgesetzt werden. Diese Gegensätze wieder zu vereinen ist das Ziel der alchemistischen Arbeit. Dabei hilft als Katalysator Sel, das Salz. Es entspricht dem unendlichen Lebensatem, dem Geist.
Ähnlich heißt es ja im Tao te-King:
Der SINN erzeugt die Einheit.
Die Einheit erzeugt die Zweiheit.
Die Zweiheit erzeugt die Dreiheit,
die Dreiheit erzeugt alle Geschöpfe.
Alle Geschöpfe haben im Rücken das Dunkle
und umfassen das Lichte,
und der unendliche Lebensraum gibt
ihnen Einklang. (42, Buch 1)
Hier ist die Zweiheit bestehend aus Yin (das Weibliche) und Yang (das Männliche), und das Dritte ist der Lebensatem, der Geist, ohne den die Christen meinten auskommen zu können.
Wir fragten uns ja, wie Seelen entstehen, und Myers schlug bekanntlich vor, ein Geist als Gedanke Gottes rufe ein paar Seelen ins Leben, die aber zunächst wie Embryos wirken und viel lernen müssen. Wir können uns vorstellen, dass es bei Personen so abläuft, wie wenn eine Autorin einen Roman schreibt und für ihn Figuren erfindet, die sie aus wiederum ihrem »Pool« holt. Das sind aber nur Personen, die noch keine Seele besitzen.
Morgen Teil fünf