Ich – ein Team? (6)
Jetzt kommen wir zu den Autoren, das ist meine Welt. Und wir malen uns aus, wir könnten selber viele verschiedene Personen erschaffen haben, die irgendwo herumgeistern in anderen Jahrhunderten, ohne dass wir das wissen. Mir ist es manchmal passiert, dass jemand sagte: Ich habe einen Doppelgänger von dir gesehen!
Wie Autoren Wesen erschaffen
Der portugiesische Autor Fernando Pessoa (1888-1935) hatte 72 »Heteronmye« und Pseudonyme. Der Name »Pessoa« heißt einfach »Person«, und da fällt uns ein, dass im Griechischen persona die Maske hieß, die man im Theater trug. Hinter ihr könnten viele stecken. Fernando Pessoa war mediumistisch begabt. Er gab an, manchmal fühle er sich wie besessen von einem seiner 5 hauptsächlichen »Heteronymen«, und sie schrieben durch ihn. Heteronyme waren für ihn eigenständige Figuren mit einer eigenen (freilich vom Autor erfundenen) Biografie.
Pseudonyme sind andere Namen, unter denen er veröffentlichte, mehr nicht. Pessoa schrieb und schrieb, und dann erkrankte er an Lungenentzündung, war erst 47 Jahre alt und legte sich ins Bett. Es war der 29. November 1935, und bevor er ins Koma fiel, sagte er noch: »Ich weiß nicht, was der morgige Tag bringen wird.« Er brachte den Tod, der sich einlud. Um acht Uhr am Abend starb der Portugiese.
Kurt Tucholsky (1890-1935), der viel Humor aufbrachte, schrieb unter den Namen Ignaz Wrobel, Theobald Tiger, Peter Panter, Kaspar Hauser (seltener: Leopold Löwe, Ignaz Iltis, Benno Büffel). Ein Buch nannte er »Mit 5 PS«: er und seine 4 PS (Pseudonyme).
Auch Wladimir Nabokov verwendete Pseudonyme. Wer ist Elena Ferrante, die in Italien drei Bestseller hinlegte? Wer bin ich? Ist der Name wichtig? Diese Pseudonyme sind andere Ichs, die für den Autor oder die Autorin schreiben. Dann wiederum erfinden sie Gestalten, die sie nicht sind.
Schriftsteller haben kein Problem damit, Gestalten auf dem Papier zu erschaffen sowie sie auf der Bühne auftreten zu lassen: damit diese aussprechen, was ihnen wichtig erscheint. Manchmal machen sich diese Gestalten selbstständig und handeln so, dass der Autor verblüfft ist; sie haben eine Art Leben angenommen, und Miguel Unamuno, der spanische Schriftsteller, lässt in dem Buch Nebel eine Romangestalt ihren Schöpfer besuchen und ihm Vorwürfe machen, und es ist vorgekommen, dass Schriftsteller einen Menschen trafen, der so sehr einer von ihnen erfunden Figur gleicht, dass sie meinen, sie hätten ihn wahrhaftig erschaffen.
Seth erklärte:
Es gibt unendlich viele Versionen von dir, und jede ist mit den anderen verbunden. Andere wahrscheinliche Selbste haben ihre Geschichte. In praktischen Bezügen treffen sich diese Welten nie. Tiefer gedacht, fallen sie zusammen. Jedes der unendlichen Zahl von Ereignissen, die dir passieren hätten können, passieren. – Alle Systeme werden andauernd geschaffen. – Ihr seid Multipersonen, die in vielen Zeiten und an vielen Orten zur selben Zeit existieren.
Viele Wesen
Das ist augenscheinlich eine Entsprechung zu den vielen Ichs, die ungeplant erscheinen und Raum beanspruchen: zu den multiplen Persönlichkeiten. »Unendlich viele« ist natürlich eine starke Aussage. Dabei können wir nur an Hugh Everett III. denken. Der amerikanische Jung-Physiker schrieb 1957 als Doktorarbeit über »Relative Zustände« in der Quantenmechanik.
Wenn der Physiker in einem Versuch einen Wert misst, hat er eine Entscheidung gefällt; die Wellenfunktion bricht zusammen, wir wissen etwas. Oder er fällt eine Entscheidung, die vom Zufallsprinzip abhängt wie im berühmten Beispiel von Schrödingers Katze: Entweder es dringt Gift in eine Schachtel ein, in der die Katze sitzt, oder nicht. Sie wird tot oder lebendig sein, das erfahren wir jedoch erst, nachdem wir die Schachtel geöffnet haben.
Doch das hielt Everett für abrupt und irgendwie nicht mit der berühmten kontinuierlichen Schrödinger-Gleichung vereinbar. Statt eines externen Beobachters, der die Schachtel öffnet, kennt er nur interne Beobachter, die zum System gehören. Das heißt: Ein Beobachter lebt in den System, in den die Katze überlebt hat (und freut sich); der andere lebt in einer Welt, in der die Katze tot ist (und trauert).
Erst der US-Physiker Bryce de Witt gab dem Ansatz den Namen »Viele-Welten-Theorie« (Many Worlds Interpretation): Bei jeder Entscheidung spalte sich die Welt auf. Und andere Ichs könnten entstehen. Die Ergänzung der »Dekohärenz« sagt allerdings, dass diese Zustände rasch verblassen, wenn es um unsere Makrowelt geht. Das, was entstanden ist, befindet sich in einem Prozess; die anderen Möglichkeiten sind eingefroren, sind »ewige Objekte«, wie der englische Philosoph Alfred North Whitehead sie nannte.
Wir brauchen das Bewusstsein, damit etwas realisiert wird. Auch dafür, eine Person ins Leben zu rufen. Kann das Bewusstsein, von mir ungewusst, schattenhafte Ichs in Lebensläufe eintreten lassen, die mir fehlen?
Dennoch: Ich könnte also der Korrespondent in Paris oder in Nairobi sein, was mir möglich gewesen wäre, der Geliebte von hundert schönen Frauen, die ich im Leben verehrte und denen zu nähern ich mich nicht getraute, der gefeierte Autor von Romanen, der Eremit auf dem Berg, der Mönch im Kloster, der Priester in Norditalien, der Sänger in einer Rockband, der Fahrrad-Profi und der Psychiater in einer Klinik in Dalmatien: alles, woran ich einmal dachte und was ich mir ausmalte. Unendliche Versionen sind es laut Seth, die unabhängig von mir existieren, irgendwo, schattenhaft und dennoch lebendig. Ich habe sie erschaffen, wie ich Romanfiguren erschuf. Sie sind mir entglitten und existieren, vielleicht jedoch ohne festen Körper, in parallelen Welten.
Morgen Teil sieben