Carmen

Irgendwann Ende Juli war meine Nichte Franziska in Heidelberg bei einer Freiluftaufführung der Oper Carmen von Georges Bizet. Es gab keine Übertitel, es wurde nicht alles klar, da die Oper vielleicht auf Französisch gesungen wurde. Ich indessen kannte die Handlung, hatte ich doch soeben Prosper Mérimées Vorlage gelesen.

Das war wieder einer dieser Zufälle: Wollte mal wieder Französisches lesen, holte mir Carmen von Prosper Mérimée (1803-1870), das sind nur 70 Seiten, die hatte ich bald durch. Jeder meint ja, Carmen zu kennen: Kapriziöses junges Weib verdreht einem Soldaten den Kopf, und nach diversen Kapriolen und Eifersüchteleien ersticht er sie. Ein Femizid, sagte Franziska; deshalb werde das Stück derzeit häufig gespielt.

Mérimée war eigentlich Rechtswissenschaftler und wurde schon mit 31 Jahren oberster französischer Denkmalschützer. Ich weiß nicht, ein paar Stellen in Carmen blieben mir unklar, was nicht an meinen Sprachkenntnissen lag, sondern am Autor: Er schreibt manchmal etwas verdreht und arbeitet die Dinge nicht klar heraus. Der Erzähler bei Carmen lernt Don José kennen, der am übernächsten Tag (wegen des Mordes an Carmen) hingerichtet werden soll, und dessen Lebensgeschichte erfährt er bald.

José ist jung, vielleicht 25, und Carmen blutjung, 20 allerhöchstens. Sie ist immer aufreizend gekleidet und kennt ihre Wirkung auf Männer, und sie zu charakterisieren ist schwierig. Sie treibt sich in Verbrecherkreisen herum, spioniert aus, ist eine Magierin mit den Spielkarten, verführt Männer, um an deren Geld zu kommen und tut einfach, was sie will. Eigentlich ist sie eine junge moderne Frau mit ihrem eigenen Kopf.

Don José ist ein einfaches Gemüt, er rennt dieser Liebe nach und will an ihr festhalten, auch nachdem Carmen sagt, sie liebe ihn nicht mehr. Gefühle kann man nicht kommandieren, es ist halt so. Er fleht sie an, ihn wieder zu lieben: vergebens. Wie sagte Gyp: Das Herz geht seinen eigenen Weg. Ja die Liebe / hat bunte Flügel, singt Carmen in der Habanera.

Doch diese temperamentvolle, lebenslustige, männermordende Carmen muss man lieben. Männern wird ein ähnliches Verhalten gern nachgesehen. Sie haben ihre Affären, um sich toll zu fühlen, und dafür müssen sie einem Mädel eben sagen, dass sie es verehren, dass es die einzige für sie ist, und so kriegt man es vielleicht ins Bett. Ich dachte an Gustav, Gyps Mann, und an den Helden von Pan, dem Roman von Knut Hamsun. Ich fand es abstoßend, wie routiniert dieser junge Mädchen anbaggert. Das Vorspielen von Gefühlen ist widerlich. Damit versucht man, Macht über einen anderen Menschen zu gewinnen. In vielen Beziehungen geht es um die Macht.

Prostituierte sind anschmiegsam, der Mann braucht Wärme, und gewiss wissen beide, dass das vorgespielt ist, und er gibt ihr Geld dafür. Und die langbeinigen Mädels auf Instagram: Würden sie nicht auch Gefühle heucheln, um einen reichen Mann für sich zu gewinnen? Es ist alles ein Deal. Doch wenn dann Gefühle aufwallen, fängt alles an zu glühen, dann wird es gefährlich.

Die Habanera, wörtlich übertragen:

Ja die Liebe ist ein rebellischer Vogel, / zu zähmen ist er nicht.
Und es ist nutzlos, sie zu rufen, / wenn sie Abschiedsworte spricht.
Nichts nützt, nicht Drohen und nicht Flehen.
Der eine spricht gut, der andere schweigt, 
und grad diesen Andern will ich sehen,
er hat nichts gesagt, doch bin ich ihm zugeneigt. 

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