Irdene und kristallene Schale
Manfred Kyber (1880-1933), von dem wir am kommenden 1. November ein Märchen haben werden, war auch ein Fachmann des Okkultismus. Und er konnte Grundtatsachen daraus wunderbar poetisch ausdrücken. Ohne viel Kommentar ein Auszug aus dem Märchen Das Land der Verheißung.
Bruder Immanuel verließ das Kloster, weil er darin Gott nicht finden konnte. Er zog in den Wald, wo er sich mit den Tieren anfreundete und die Pflanzen verstehen lernte. Manchmal wanderten unsichtbar andere neben ihm her: die älteren Brüder, die seinen Weg vor ihm gegangen waren, um die Erde zu »entsühnen«. So geht es weiter:
Es bauen ja Tote und Lebende an den Brücken zum Lande der Verheißung und gießen die Seele der Erde in immer neue Formen. Die Menschen, die in einem Körper gefangen sind, haben es nur vergessen, dass sie vom anderen Ufer der Welt kamen und wieder zu diesem anderen Ufer gelangen, wenn sie der Tod in seinem Nachen über den dunklen Strom führt. Das ist gewiss sehr wesentlich, so wie die Menschen heutzutage gestaltet sind, aber es braucht gar nicht so wesentlich zu sein.
Es ist eine kristallene Schale in einer irdenen. Ein Leib aus groben Stoffen, der einem feineren Leib die irdene Schale war, bleibt zurück, und das ist alles. Man selbst lebt weiter in der kristallenen Schale, aber diesen feinen Leib hatte man auch, als man noch in der irdenen Schale war, nur achtet man nicht darauf, weil man nur auf die irdene Schale achtet.
Im Schlafe wissen das die Menschen, weil sie dann ihre irdene Schale verlassen und vor ihr stehen in ihrem feineren Leibe, und sie wandern oft weit fort von ihrer irdenen Schale, die nur mit einem dünnen silbernen Bande mit ihnen verbunden bleibt.
Im Tode löst sich auch dieses Band, weil die irdene Schale nicht mehr brauchbar ist und man sie nicht mehr benötigt in der anderen Stofflichkeit des anderen Ufers. Aber ist das sehr wesentlich? Man lebt in der kristallenen Schale weiter, in der man immer lebte, auch als die irdene sie noch umschloss. Es ist eigentlich sehr einfach, und die Menschen merken es nur nicht, wie einfach es ist, weil ihre irdene Schale zu dick und zu grob ist und sie alles vergessen, wenn sie wieder in ihre irdene Schale hineintauchen.
Es ist darum auch sehr wichtig, dass man seine irdene Schale feiner gestaltet, so dass man noch einiges in sie mitnimmt von einem lichteren Bewusstsein, wenn man vom andern Ufer kommt. Denn es soll ja die irdene Schale die kristallene nur tragen, aber nicht verdunkeln, und die kristallene soll die irdische Schale durchlichten. Es ist dies ein Geheimnis aus dieser und jener Welt, und man kann Leben und Tod nicht verstehen, wenn man dieses nicht versteht.
