Zuviel Welt

Plötzlich fiel mir beim Radfahren ein Satz von William Wordsworth ein: The world is too much with us. Wir leben in dieser Welt und kennen nichts anderes, aber heißt es nicht schon bei James Bond: The World is not enough? Die Welt ist nicht genug, Film von 1999 mit Pierce Brosnan in der Hauptrolle. Der Mensch als Suchender will mehr, will einen Ausweg. Alle Mystiker haben ihn gesucht.

Kürzlich lief ein Film über den Schweizer Regisseur Daniel Schmid (1941−2006), und er wurde so zitiert: »Ich han immer das Gefühl g’habt, dass es ennet (jenseits) der Berge eine andere Welt gäbe, und da wollte ich immer sein.« Wordsworth schreibt:

The world is too much with us; late and soon,
Getting and spending, we lay waste our powers:
Little we see in Nature that is ours;
We have given our hearts away, a sordid boon!

This sea that bares her bosom to the moon;
The winds that will be howling at all hours,
And are up-gather’d now like sleeping flowers;
For this, for everything, we are out of tune.

It moves us not. — Great God! I’d rather be
A Pagan suckled in a creed outwordn;
So might I, standing on this pleasant lea,

Have glimpses that would make me less forlorn;
Have sight of Proteus rising from the sea;
Or hear old Triton blow his wreathed horn.

Auf die Natur — auf alles — seien wir nicht richtig eingestimmt; sie berühre uns nicht. Was wir draußen sehen, verführt uns nur zu Reflexen. Wir meinen, bei einem Sonnenuntergang gerührt sein zu müssen, aber das ist nicht echt, wir haben gelernt, dass es so sein müsste. Es ist eine geborgte Emotion. Wordsworth meint, wenn er ein Heide wäre, würde er sich besser fühlen, denn dann würde er am Ufer eines Flusses gewiss »Proteus aus den Fluten aufsteigen sehen / und den alten Triton sein gewundenes Horn blasen hören.«Seeing is believing; aber auch ist believing seeing: Ich kann nur sehen, was ich glaube. Ich glaube an Heilung, und sie kann geschehen, auch wenn der Arzt seine Prozentzahlen auf den Tisch legt.

Die Wissenschaft führte zur Entzauberung der Welt. In den 1970er und 1980er Jahren gelang es der Quantenphysik, was heute zuweilen der Kosmologie noch gelingt: an etwas wie Wiederverzauberung zu glauben. Doch es fehlt die Basis: der Glaube an die Große Unendlichkeit, an das pulsierende Herz. Die Natur in dem Sinn, wie sie Wordsworth (1770-1850) verstand, ist uns völlig entschwunden. Sie ist heute nur noch eine Chiffre, ein Potenzial, das auf kluge Wiese auszubeuten ist, damit sie uns noch viele Jahre uneingeschränkten Konsum beschere. Die Welt mit ihren Festen und Problemen und Diskursen rückt uns mächtig auf den Pelz. Alles ist, wie Adorno schrieb, perfekt abgedichtet gegen jede Transzendenz, damit wir genießen (g’nüsse, sagt der Schweizer) und konsumieren und sonst nichts. Zu den vielen Festen will ich gar nicht mehr gehen. Vielleicht ist es eine Frage des Alters.

The world is too much with us. Ich wohne zwar ohnehin schon auf einem Dorf, aber ich könnte mir vorstellen, eines Tages in einem kleinen Apartment an der spanischen Küste zu leben, mit meinen 300 Büchern, den sechs Fahrrädern und dem Volvo. Lesen, schreiben, radfahren, rauchen und trinken. Am Meer sitzen in der Stille. In der Nacht die Torah studieren oder einen Besuch im Jenseits unternehmen. Schon als 20-Jähriger wollte ich Mönch werden. Dennoch bin ich hinausgegangen und habe 30 Jahre die Welt ausprobiert, und jetzt merke ich: Ich bin traumatisiert. Aber manipogo geht noch, und ein paar Bücher werden wir auch noch schreiben.

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