Meinten Sie ..?

Es kommt ja (sogar bei mir) vor, dass man sich verschreibt, und da fragt Google gleich: »Meinten Sie ..?« Ich suchte etwas in Sulzburg und hatte irrigerweise »Solzburg« getippt, und die Frage war sofort: Meinten Sie Salzburg?

Technisch geprägte Zeiten sind eindeutig, sind digital. Analoge, also abgestufte Signale müssen zu »wertdiskreten« Signalen werden. Diskret heißt hier nicht verschwiegen oder taktvoll, sondern eindeutig und abzählbar. So funktioniert die Welt, darum ist Fußball so durchschaubar und darum gibt‘ im Krimi immer einen klaren Täter. Die Leute wollen das so. Binär ist die Kurzform: Null/Eins. A/b.

Wenn es um Informationen geht, brauche ich diese Klarheit. Wenn ich ein Hotel in Sulzburg will, hilft mir eine Pension im 500 Kilometer östlich gelegenen Salzburg nichts. (Kurios allerdings, dass beide doch verwandt sind. Sulz ist dasselbe wie Salz; Sulzburg und Salzburg legen genauso wie Soultz, Soultzmatt und Soultzbach auf Salinen.) Anders ist es in der Prosa. Da wirkt ein Wortspiel auf wundersame Weise. Ein Buchstabe ausgetauscht, und Verblüffung tritt ein; neuer Sinn entsteht, wenn das Wortspiel gut ist. Plötzlich reißt ein Schleier auf.

Sprache ist ein Wunderwerk. Wörter reihen sich gemütlich aneinander, doch manchmal werden sie durcheinandergeworfen, es wird gezaubert, und alles wird transparent und schöpferisch. (James Joyce war der große Zauberer im Englischen, Arno Schmidt der im Deutschen.) Auch ein Verschreiber, ein Druckfehler kann kreativ sein. Manchmal treten unbewusste Vorstellungen ans Tageslicht, weil jemand an etwas anderes dachte, während er schrieb. Zum Beispiel in der Ankündigung eines Verlags. Es geht um das Buch Depressionen im Sport, einen »Ratgeber für Sportler, Trainer, Betrauer und Angehörige«. Betreuer sind gemeint, aber Trauer gehört zur Depression.

Eine Freundin erzählte schriftlich von dem Start eines Radrennens und schrieb, es habe wie ein Beinenschwarm geklungen, und das war toll. Sie hatte sich vertan und dadurch etwas Neues erschaffen. (Später schrieb sie noch über den Schlafanfall der Oma, der aber wohl leider ein Schlaganfall war.) Chirurg Sauerbruch meinte, Operationen an Kleinkindern seien nicht immer schwierig, eher schmierig.

Ein englischer Autor verwendete warship und dann gleich worship (Anbetung statt Kriegsführung), und dann switchcraft für witchcraft, aber freilich so, dass es Sinn ergab.  Mir machen Wortspiele seit geraumer Zeit viel Freude: seit ich mich wieder für Lyrik begeisterte. Der Reim ist ja so etwas wie eine Parallelführung, und man hat das Gefühl, da gehören zwei Wörter zusammen, die nur ein Buchstabe trennt (wie überhaupt alles im Universum in Paaren vorliegt).

Die alten Kabbalisten kannten nicht »meinten Sie«, dafür »lies«. Im Hebräischen und Arabischen gibt es nur Konsonanten. Die Vokale kommen in Gestalt von Punkten unter die Konsonanten, doch in Büchern und Zeitungen werden sie oft weggelassen, da der einheimische Leser aus dem Zusammenhang schon begreift, welches Wort gemeint ist. (Für den Sprachenlerner ist das schwierig.)

Um aus Kommentaren zur Bibel neue Aspekte herauszuholen, gaben die Rabbis dann den Hinweis, das Wort anders zu lesen. Etwa Joseph Gikatilla, der einen Psalm (16) heranzog, in dem es »satt vor Freude« hieß. Er formulierte: Lies shéva‘, nicht shove’a, also nicht satt, sondern sieben, also: sieben Freuden. Oder: Lies nicht jamim, sondern jamin (rechts). Lies nicht meinten Sie?, sondern reimten Sie?

 

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