Das Jahrhundertrennen (10)

Wir sind fast am Ziel. Die Szene mit Rudi und Sue in der Diskothek war schon einmal gesendet und verwendet worden, doch hier steht sie im Kontext. Die beiden begeben sich zum Friedhof. 

Veteranenspeisung

Die Gruppen sind von den Museen bald zurückgefahren
Zum See-Camping, um sich dort umzuziehn, sich zu erfrischen,
aus den Kostümen sich zu schälen, sich zu verwandeln in die Leute, die sie waren,
und um vorm Abendessen noch ein kleines Bier zu zischen.
Man war in den Museen so lang gezwungen, nur zu lauschen,
und auf der Rückfahrt musste man sehr gut aufpassen.
Drum will man hastig Ansichten und Meinungen austauschen
und sich den Abend des gelungnen Tags richtig gefallen lassen.
Mäzen Carl Reuss war unabkömmlich, fragt den Staller,
wie alles denn gelaufen? Dieser sagt: So eigentlich recht gut,
die Bürgermeisterin, auch die Museen, war zum Gefallen aller.
Peter Rogoff sagt dazu, gegeben habe es auch böses Blut,
durch das Skelett am See, die Polizei sei da noch dran.
Die Zauberfrau habe im Sarg nen Anverwandten mitgebracht.
Staller ergänzt: „Das hatten wir nicht auf dem Plan.
Es überschattet unser Treffen, wer hätt es gedacht?“
Twain tritt hinzu. „Ich habe mich zurückgezogen“,
erklärt er, „von allen Ämtern und sogar erwogen
heut, hier zurückzureisen in diesem Moment.
Ich bin nicht mehr der Präsident.
Man hat den Norweger gewählt,
Die Führungsriege bleibt kompakt, das ist, was zählt.
Das Endergebnis war allerdings reichlich knapp.
Doch für die Zukunft melde ich mich ab.“
Der neue Veteranenchef habe erklärt,
er komme heute später, dringender Termin:
Er gebe heute Abend in der Stadt ein Rockkonzert,
wir sollten erstmal essen ohne ihn.
Man tröstet Terry Twain, gibt ihm einen Kaffee,
beschwört ihn, er solle bleiben. Gibt ihm einen Gin.
Die Cateringexperten errichten lärmend ihr Gala-Büffet.
Staller, Reuss und Twain schaun melancholisch vor sich hin.

Die ersten sind die aufgeräumten Appenzeller,
besetzen gleich den ersten Tisch, sind alle ja noch frei.
Sie lachen, holen eine Flasche Wein, die Stimmung wird gleich heller.
„Das war ein schöner Tag!“ ruft Claude. „Tag zwei.“
Twain dreht sich weg, Claude hat ihn, wie er denkt, beschädigt,
hat ihn brüskiert, hat seine Stellung laufend untergraben.
Nobel kommt, der Bayer, und er sagt: „ Twain ist erledigt,
verraten ist er worden, das ist nun der finale Niedergang.
Ah, Karmann und der Luggi kommen, hier geht’s lang.
Ich rieche nämlich Schweinebraten!
Ob’s wohl auch Knödel gibt? Weiß man ja nie, wir sind in Baden.“
Da stoßen zu den Deutschen und den Schweizern Belgier und Franzosen,
nehmen vom Büffett sich mit zwei Flaschen mit Bordeaux.
Jacques fischt sich für Natalie aus einer Vase sieben Rosen.
Er gibt sie ihr. Und sie errötet: „Sind die für mich? Liebst du mich so?“
Larray Wanton und seine Kanadiertruppe kommen verschwitzt,
sie drehten nochmal eine Runde, um Appetit sich anzufahren.
Auch Cranston Loggle wirkt leicht angespannt und sehr erhitzt.
Er sagt, als er sich setzt, zu Teagarden: „Seit vielen Jahren
Gab’s wieder eine Kampfabstimmung, und es war ein Fiasko.
Der Janssen taugt ja nichts, da brauchen wir Vollkasko.
Der fährt den Klub voll an die Wand!“
Stan Teagarden erwidert: „Sei doch nicht so arrogant!
Und nicht so negativ. Es ist ja nicht der Heil’ge Stuhl,
unser Verein, ist nicht das Zentrum dieser Welt, bleib cool!
Ich bin nicht richtig konzentriert, hab meine eignen Sorgen,
ich denke intensiv ans Century, ans Rennen früh am Morgen.“

Drunten am See vor dem Begegnungszelt
Kochen die Inder, Araber und Afrikaner Reis mit Curry und Kous-Kous.
Nur rührt in einem Topf, sagt: „Das da droben ist nicht unsre Welt.
Bellaire gibt Pfeffer zu und meint: „Wir haben sie gestört. Man muss
sie ruhig machen lassen, sie halten sich für wichtig, leider fehlt der Spaß.
Und weiter fehlt … mir Rudi und auch Sue. Weiß jemand was?“
Sagt der Historiker, der hinzukommt: „Sie haben sich entfernt,
o teure Freundin. Sie ruhen auf dem Friedhof, kurz. Besternt
ist nun der Himmel, wie romantisch ist da so ein Tête-à-Tête.
Wie gerne ich mit Ihnen sowas erleben tät!“
― „Nicht jetzt!“ bescheidet ihm Bellaire. „Ich will noch wissen,
ob wir Miranda hierbehalten, ob sie die Austreibung der Geister kann vermissen.“
Miranda, in Weiß, lehnt unglücklich am Zelteingang.
„Nein, Sue braucht meine Assistenz“, sagt sie, „ich spür den Drang,
dabei zu sein. Mahindi bringt mich hin.“ Wieder fließen Tränen.
„Ich habe ein Geheimnis und muss es doch erwähnen.“
Man geht zu ihr. Miranda setzt sich und sagt flüsternd, was sie ahnt,
umgeben von Bellaire, Karl-Heinz und Nur.
„Ich sehe eine gelbe Aura, aber nur um Nur. Es ist geplant
oder gewiss, dass bald … verliert sich ihre Spur.
Ich seh es auch bei Rudi und bei Sue, beim englischen Patienten.
Die vier werden das Rennen morgen  … nicht beenden,
wenn sie es fahren. Lasst es sein. Die Karten des Tarot mir sagen: Tod,
doch spür ich nicht Verderben, nicht der Untergang euch droht,
eher Erneuerung, vielleicht eine … Aufgabe höh‘rer Art,
eine unglaubliche, von andrer Dimension gewünschte Himmelfahrt.“
Nur erbleicht. Miranda schluchzt und bebt. Man schließt sie in die Arme.
„Das heute war zuviel für sie. Wir müssen sie verschonen“,
sagt Bellaire. „Lasst schlafen eine Stunde sie. Bondyè  wird es euch lohnen.
Wir bringen sie ins Zelt, ins Warme.“

Nobel oben ist verblüfft: Da kommen Bykow und die Tillingham,
fast majestätisch, Hand in Hand, besetzen einen Tisch.
Und schaun, wer außer ihnen auch noch käm.
Verspätet sind nach ihren Küssen Jacques Dutronc und Natalie, und frisch
Setzen sie sich daneben. Natalie steckt ihre Rosen
In ein noch leeres Weinglas, als Larry Wanton und Latigue
und andere eintreffen. Der Tisch der Belgier, Kanadier, Franzosen
wird übermütig, träumt vom Rennen morgen und vom Sieg.
„Es ist doch eine schöne englische heilige Tradition“,
sagt Dorothy, „gestartet wird es, wenn die Vögel pfeifen schon,
im Morgengraun, das heilige Jahrhundertrennen!
Wir fahren, wenn die anderen Bürger pennen.“
„Weißt du noch“, fällt Larry ein, „das Rennen in der Schweiz,
wo nach der Hälfte Rudi mit dem Tebag hatte bereits
das Rennen in der Tasche. Er war richtig auf Touren,
und sechzehn Mal den öden Kurs wir da durchfuhren.“
Dorothy erläutert, dass sie morgen zwanzig Kilometer führen
und das acht Mal, das sei schon mal erfreulich.
Das sei nicht ganz so öde, und man könne spüren
Den Geist der Landschaft, denn viele Stopps seien abscheulich.
Peter Rogoff und Sibylle setzen sich dazu.
Sie wollten dennoch, sagen sie, gehen früh zu Bett.
„Aufstehen um fünf, wir brauchen etwas Ruh“,
Sibylle meint. „Peter macht mit, liebt Räder, findet alle nett.“
„Ein neuer Fan“, lobt Viktor, „ja, das lob ich mir.
Dann sind wir mehr: zweihundertvier.“

Wie mittags sitzen wie Verschwörer eng beisammen
der Pole Leszek, Wunder, Loggle und Jock Hiller.
„Bald wissen wir“, sagt Cranston, „woher stammen
Die angeblichen Geister, die unsichtbaren Killer,
die nun so penetrant an unsren Rädern hängen,
wie uns versichert wurde; und es muss uns drängen,
die Sache aufzuklären. Ich halt es ja für Unfug,
für einen Wahn der überspannten Geisterfrau; ist alles Humbug.“
Leszek schüttelt da den Kopf. „Diese Frau, die war schon ehrlich,
die hat etwas gesehn, das ihr wohl schien gefährlich.
Der Monsignore, der muss uns begleiten,
dann können wir ohne Gefahr zum Friedhof reiten.“
Der so Ersehnte sitzt allein in einer Ecke vor dem Rotweinglas,
als sei die Wandlung schon geschen, vollzogen nun das Sakrament.
Als Wunder ihn drum bittet, sagt er: „Das
Ist in meinem Sinne, gut, dass ihr es erkennt.
Mein letzter Exorzismus ist zwar schon paar Jahre her.
Doch war ich stets erfolgreich; Geister austreiben, das ist nicht schwer.
Wir fahren um halb elf, dann können wir gemütlich in die Pedale treten
und auf der Fahrt noch einen Rosenkranz gemeinsam beten.“

CL Drais

Der Hauptfriedhof ist indessen lang und breit besichtigt worden
Von Sue und Rudi, denn zum Club geht’s erst um acht.
Es gibt so viele Wege, Gräber, Mausoleen, Eingangspforten,
und in der lauschigen und mondbeglänzten Samstagnacht,
wenn niemand sonst den Toten seine Ehr erweist,
gibt’s fast, meint Rudi, keinen schön‘ren Platz auf Erden.
„Du hast nicht Angst“, fragt sie, „vor einem Geist?“
„Später vielleicht“, sagt er, „nun raus, es muss zum Club gefahren werden.“

Rudi löst ein Ticket, und er und Sue besteigen eine Straßenbahn.
Er ist als Handwerker gekleidet, seine Begleiterin indessen,
geht ja in Schwarz, behängt mit Totenköpfen … Man glotzt die beiden an.
Ist Fastnacht? Fast hätte manch einer das Aussteigen vergessen.
„Club Caribic?“ fragt Rudi ein paar junge Leute. ― „Grad an der Pyramide,
am Marktplatz, ganz zentral, rechts oben, erster Stock.
Da ists speziell, da trifft sich eher die Elite.
Ob ihr da reindürft? Die kriegen so was von nem Schock.“
In dem Haus dort oben wartet eine Schlange. Der Türsteher sie streng taxiert.
Rudi flüstert Sue zu: „Vielleicht gibt es ein Kennwort?
Ich sage einfach Friedhof. Oder Drais.“ – „Falsch“, meint Sue, fixiert
den Wächter, sagt dann: „Mambo io“. Er lässt sie durch: „Ihr seid an Bord.“
Drinnen ist es heiß und eng. Musik im Hintergrund, nicht laut.
Rudi und Sue kämpfen sich durch zu einer Bar. Leer noch die Bühne.
Das Schlagzeug ist dort aufgebaut.
Zwei Gitarren auf zwei Ständern, und ein Hüne
steckt noch die letzten Stecker ein. Von oben blaues Licht.
Rudi hat ein Bier bestellt, für Sue ne Cola-Rum.

Der Hüne richtet sich nun auf. Ins Mikrofon er spricht:
„Der Hauptact heute, liebe Leute, ist ein Wahn und bringt euch um!
Lang erwartet, weltbekannt, Garant für Drive, Tempo und Kraft.
Aus Norwegen, Karlsruhe, Austin/Texas, endlich hier
im Club Caribic: CL Drais mit Songs von ZZ Top, die kriegen was geschafft!
Bühne frei für unsre Band, Gott Rock, wir danken dir!“
Ein kleiner dicker Mann mit Schnauzbart besetzt flink den Schlagzeugsitz.
Von links betritt die Bühne … Pluto, hängt sich eine Gitarre vor den Bauch.
Von rechts schlendert herbei … Pål Janssen! Rudi denkt, das ist ein Witz!
Pål schnappt sich die zweite Gitarre: zwei Vollbärte, zwei dunkle Brillen auch,
nur hat den Helm der Wikinger Pål auf, den mit Gehörn,
und Pluto einen schwarzen Spitzhut, wie Venezianer ihn sonst tragen
im Karneval, mit Schleier. Röhrt ins Mikrofon: „We turn you on!“
und spielt die ersten Riffs. Pål Janssens Bass trifft in den Magen.

Sie bringen gleich den „Sharp Dressed Man“ und singen „Yes we can!“
Schwingen synchron nach rechts und links ihre Gitarren:
„Every girl’s crazy bout a sharp dressed man!“
Pluto spielt ein Solo, lässt jaulen seine Saiten, alle starren
beglückt, und Pål spielt stoisch-unergründlich seinen Bass.

„She’s got legs, she’s alright“ … nun stehen sie Rücken an Rücken,
und feuern Energie ins Publikum, das ist gebannt, und manche werden blass.
Die ersten tanzen, fallen in Ekstase, Haare fliegen im Entzücken.
Dann steht Pluto ganz rechts zum „Tube Snake Boogie“, Pål wirkt links.
Das ist der Texas-Sound, und alles schwirrt und schwingt und flirrt.
Pluto spielt sich um sein Leben, Pål zupft den Bass, und so gelingt’s,
dass man fast meint, man hätt‘ in eine Bar in Austin, Texas, sich verirrt.
„El Loco“, „Sleeping Bag“, „Concrete and Steel“,
Sie geben weiter Dampf, und es wird immer wüster.
Pål schaut Rudi an und singt: „I am the president, wir sind am Ziel!“
dann „Planet of Women“. Plötzlich wird Påls Stimme düster.

„I’m shuffling through the texas sand, but my head’s in Mississippi,
I’m shuffling through the texas sand, but my head’s in Mississippi,
the blues has got a hold on me, I believe, I’m getting dizzy!
I keep thinking bout this night in Memphis, Lord I thought I was in heaven
I keep thinking bout this night in Memphis, Lord I thought I was in heaven
When I was stumbling through the parking log I felt like an invisible seven-eleven.“
Die Gitarre klingt gedehnt, gequält, die schrillen Töne schrauben sich empor …
alle tanzen, rocken, ballen Fäuste, die Arme wie die Schlangen sich verdrehen.
Pluto weist auf Sue und Rudi, wirft zwei Objekte hoch in Richtung Ausgangstor,
die in Zeitlupe silbern blinkend in der Luft rotieren und auf die beiden niedergehen.
Es sind zwei Schlüssel. Rudi fängt den einen, Sue schnappt sich den zweiten.
Das alles, während CL Drais sie weiterpeitscht, alles ist voll Adrenalin,
die Tänzer rufen „Yeah“, wollen weiter auf der Tempowoge reiten,
die Musik ist ja unglaublich und wirkt stärker als Amphetamin,
besser als Haschisch, Whisky, Starkbier, Morphium,
mächtiger als Testosteron und als Erythropoietin:
Und alle, alle fallen ins Delirium.

„Delirious“ fegt los, hinter Sues und Rudis Rücken. Sie kriegens nicht mehr mit.
Sie wühlen sich hindurch, umkurven jene Zonen, wo tanzend wird gekämpft,
bis sie zum Ausgang kommen, wo auch sinnig steht „Exit“.
Rudi winkt noch Pluto zu, der grinst. Dann draußen. Alles klingt gedämpft.

Dann unten. „Puh“, schnauft Rudi. „Uff. Du liebe Zeit. O Mann.“
Sue atmet schwer, verdreht die Augen, wischt sich ab den Schweiß.
Rudi sieht erst sie, dann in der Hand den Schlüssel an.
Sue hält den ihren hoch: „Meiner für den Friedhof, deiner … na, wer weiß?“
Im selben Augenblick fällt ihrer beider Augen Blick
auf zwei bildschöne Räder, die links an einer Säule stehn wie drangepresst.
Rudi: „Siehst du das auch? Ist’s eine Täuschung, ist’s ein Trick?“
Ein weißer Cruiser, das sind fast Räder-Straßenkreuzer, amerikanische Gefährte
mit dicken Reifen, großem Radstand, Harley-Lenker,
superbequem zum „Cruisen“ durch die Stadt, stets auf der Fährte
der nächsten Whisky-Bar, für Künstler und für Denker.
Am weißen stecken auf dem Lenkerschaft drei Federn.
Der schwarze, dicht an ihn gelehnt, hat einen Totenkopf an selber Stelle.
Die Sättel, die gefedert, sind von Brooks, natürlich ledern.
Es gibt ein Täschlein für Reparaturen, eine Luftpumpe, für alle Fälle.
Der Schlüssel nähert sich dem Schloss des Schlosses. Und er passt.
Die beiden Helme, die dran hängen, passen auch. Sue sieht: „Mit Nabendynamo.“
„Und Scheibenbremsen“, würdigt Rudi. Sie bestimmt: „Ich fahre weiß
und tue Buße. Du fährst nun schwarz. Weiße Magie für CL Drais!
Die Totenköpfe leg ich ab, und Uropa wird bald bestattet. Ich bin froh.“
Sie winken fröhlich den Passanten zu und klingeln übermütig.
Von irgendeinem Kirchturm her schlägt mehrmals eine Glocke.
Zehn Uhr. „Da ist jemand zu uns über alle Maßen gütig!“
ruft Rudi rüber zur Begleiterin.  „Herz, was willst du mehr, frohlocke!“

Die Räder bleiben vor dem Friedhof, gesichert durch die Kette.
Man weiß ja nicht, ob vor der Geisterschlacht
ein Körperloser das Verlangen hätte,
mit einem Cruiser auszureiten, durch die Nacht!
Es ist noch Zeit, das Klima mild,
die beiden lagern sich in Sichtweite der Draisschen Stele
unter einem Baum, fast ein bukolisch‘ Bild.
„Du musst noch etwas wissen“, sagt Sue, „lass zu, dass ich’s erzähle.“

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