Das Jahrhundertrennen (11)

Gleich Mitternacht: Das Finale nähert sich, der Exorzismus. Ach, wie schön war es, das zu schreiben; das geschrieben zu haben. Ich kriege Hochachtung vor mir selbst. Tut Dinge, die man nicht von euch erwartet! mahnte Günter Eich. Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!

Mitternacht

„Der erste Mensch, den man auf einem Friedhof in die Erde senkt,
ist, soweit Mann, Baron Simitje, der Herr der Toten; wer gedenkt,
in seiner Welt etwas zu rächen, ruft ihn an, den Chef der Totenblassen.
Heißt auch Baron Samedi, schickt einen bösen mó, gewählt aus den Insassen.“
„Ach, liebe Sue“, sagt Rudi, „die Seelen fliegen frei im Raum,
sind frei gleich nach dem Tod, besuchen dich im Traum.
Sie lungern nicht sehr lang herum an diesem Jenseitsort,
zwar gibt es erdgebundne Geister, doch sie bleiben kleben dort,
wo sie gelebt. Und wir gewissermaßen importieren
mit unsren infizierten Rädern Geister, die ihr exorzieren
wollt, damit sie, ja … was tun und wohin gehen?
Sie werden leiden und sie werden flehen.“

Sue lächelt. „Es ist der Monsignore unser großer Exorzist.
Ich liebe meine Geister, hoffe sehr für sie, geb ihnen eine Frist,
doch ihr mit eurer Strenge, eurer Wut
macht Böses böser, und das ist nicht gut.“
Rudi noch: „Du weißt, o Sue, die bösen Geister sind gefährlich.
Man muss sie fortschicken; sie therapieren ist beschwerlich.“
Sue richtet sich auf, blickt in seine Augen unverwandt.
„Da du das sagst … du bist mir ja schön zugewandt,
das liegt am Sommer, diesem Treffen, diesem Land.
Doch fühlt sich’s manchmal an, als wärest du gebannt
von einem fremden Zauber, wie gelähmt; ich spüre eine Wand,
dahinter einen … Geist, ein Wesen, so etwas wie die unsichtbare Hand
eines Geschöpfs, das dich auszehrt und lebt von dir:
Ich würde fast sagen: Es ist ein Vampir.“

„Du machst mir Angst“, erwidert Rudi leise.
„Ich weiß es auch, das macht die Reise
Zu einem großen Unterfangen.
Es ging mir stets darum, Erlösung zu erlangen.
Ich habe tausend schlimme Irrtümer begangen
und dennoch überlebt, mit Hoffen und mit Bangen,
und jemand gab mir Kraft, Zukunft und Verlangen,
bis alles dann verglühte … so hat es angefangen.
Bald kommt der Monsignore auf dem Rad.
Noch ist’s nicht Mitternacht, und noch ist Rat.“

Sue hebt plötzlich, inspiriert, an zu einem Gesang.
Sie lehnt an einem Baum, blickt hoch zum Himmelszelt,
Rudi setzt sich zu ihren Füßen und lauscht bang,
den Blick hinauf wie sie zur leicht glitzernden Sternenwelt.

„Maji wo, maji wo, maji pwen an.
Bilolo lé w’we m’nan simitié avek pwen an
Lé w’we m’nan devan Bawon
ko sa l’danjere Men le w’we m’kon
Lé w’we m’nan devan Bawon an. Pwen sa l’danjere
Pwen an asire. Pwen an danjere.“

„Danjere heißt wohl dan-schee, die Gefahr“,
sagt Rudi in die Stille, „ach, wie gut du singst, wie schön das war!
Wir brauchen gleich viel Hilfe von einem Baron,
dem Samedi oder Drais, wem immer, einer hilft uns schon!“

Er hört ein Kratzen, Rauschen, wie Fahrradreifen rollen
auf Friedhofswegen. Sue hat die Augen fest geschlossen und erhoben
ihre Hände, und sie flüstert „Lass mich! Die Geister wollen
sich zeigen, brauchen dazu meine Kraft und loben
die Schamanin.“ Rudi starrt angestrengt in diese Dunkelheit.
Die Räder stoppen, grad vor ihm. Der Rennradfahrer, der Pirat,
ist schwach zu sehn, mit Mercatone-uno-Trainingskleid.
Nun spricht er, leise, Italienisch, im Romagna-Dialekt, gibt einen Rat.
„Viele meiner Freunde sind um mich.
Wir haben eine Übermacht, nichts Böses kann bestehen.
Die erdgebundnen Geister werden bald das Licht der Wahrheit sehen.
Wenn ihr den Monsignore stoppt, gelingt es sicherlich.
Die grobe Art der Katholiken, Geister fortzujagen
schafft negative Wellen in unsrer feinstofflichen Lebenssphäre,
wirkt Aufruhr, stört die Atmosphäre.
Mit Güte ist der Übergang viel leichter zu ertragen.
Wir halten uns bereit und warten hinter dieser Stele.
Die Kandidaten und der Priester sind nicht weit von hier.
Miranda und Mahindi ebenfalls. Und wir vertrauen dir,
Sue, und dir Rudi, und damit ich mich nun empfehle.“
Marco verschwindet, man hört noch seine und auch andre Fahrradreifen.
Rudi stößt am Eingang weit die Friedhofstore auf.
Er schüttelt seinen Kopf und kann’s nicht recht begreifen.
Und wartet, lässt den Dingen ihren Lauf.

Das Klappern alter Räder, nebst Gemurmel. Stimmen werden laut.
Mahindi nähert sich mit seiner Rikscha, wie als Bewachtrupp
Sind um ihn die vier Geisterräderfahrer. Der Monsignore schaut
Von weiter hinten zu. Und das Konzert von CL Drais im Nachtklub
Ist anscheinend schon vorbei, denn Pluto überholt und schießt herbei
mit seinem Cruiser, stoppt, winkt Rudi zu, geht in sein Domizil.
Rudi, nun der Stellvertreter, Friedhofsverwalter Nummer zwei,
lässt alle ein, schließt dann die Tore. Bis Mitternacht fehlt nicht mehr viel.
Die Räder kommen, dirigiert vom Monsignore, auf der Wiese
hinter der Draisschen Stele halbkreisartig gut zum Stehen.
Beiseite treten Wunder, Hiller, Loggle und Leszek, der Riese,
verziehen sich ins weit fort ins Dunkel, sind nicht mehr zu sehen.
Dünn klingt nun das Geläut der nah gelegenen Friedhofskapelle
Und viele Glocken in der Stadt fallen mit ein. Sie schlagen zwölfe.
Die Geisterstunde. Banges Harren. Man erwartet gleich Gebelle
von wilden Hunden oder ein Geknurre vieler Wölfe.
Statt dessen brummt am Weg der Motor einer Limousine, amerikanisch,
der aufheult, und dann heult noch schrill eine Sirene.
Dazu Musik: „Ghost/Busters“, aus dem Film, verzerrt und übersteuert, manisch.
Der Wagen, unsichtbar, ist gleich vorbei. Und wieder dunkel ist die Szene.

Der Exorzist lehnt mit dem Rücken an dem Draisschen Monument,
fasst an sein silbern Kreuz, indessen Rudi links, Sue rechts am Rand
der Wiese ihm zusehen gebannt, Sue betet, scheint es, und in dem Moment
beginnt ein Corso nah bei ihnen, Rennradreifen, scheint’s, auf Sand
oder auf dem Kiesbelag der breiten Wege, es rauscht, es ist ein Peloton,
der weiterfegt und sich entfernt auf seinem Höllenritt. Nun Wind kommt auf
und bläht dem Monsignore die Soutane, fegt ihm auch sein Barrett davon.
Doch er hält stand und ruft: „Jesus verkündete: Heilt Kranke, weckt die Toten auf,
macht rein Aussätzige und treibt Dämonen aus! Das Rituale Romanorum
gibt mir die Macht ―“ Miranda, weiß gekleidet, neben ihm. Er fährt zusammen.
Der Wind bläst weiter. Jenseits der Wiese rauscht es wieder, alle lauschen drum:
Gleich kommt der Rennradfahrerpulk. Über den Rasen huschen Flammen,
sich nähernd, hin und wieder zuckend, hier und dort ein Klagelaut.
Von vorne nähern sich die unsichtbaren Radler, und sie werden eingekreist
Vom Rollen und vom Rauschen. Es klingt ohrenbetäubend laut.
Wird leiser. „Zum Ziel vier Kilometer!“ ruft eine Stimme; wohl ein Geist.
„Oh Herr!“ ruft da der Monsignore. „Was für eine Prüfung hast du mir bereitet!“
Die Flammen jagen wilder auf der Wiese. Sue hält die Hände hoch.
Da nähert sich ein Adler von den Bäumen fern, langsam er näher gleitet
Und setzt sich gravitätisch auf die Statue. Der Priester ärgert sich jedoch
und schreit „Hinfort!“, greift einen Stein und schleudert ihn nach oben.
Dann greift er nach dem Kruzifix und steht hoch aufgereckt.
„Herr, der Triumph ist unser, dich alle Geister loben!“
Ein dumpfer Klang. Er stöhnt, schwankt, fällt, vom Stein, der fiel, niedergestreckt.

„Das war wie Gottes Antwort!“ sagt Rudi. „Sie kam ja rasch und trocken.
Und den Monsignore haut es aus den Socken.
Gefällt hat er sich selbst. Das Urteil sich gesprochen.
Die Geister an den Rädern ― oder, Sue? ― haben doch nichts verbrochen,
sind keine Schurken und auch keine Dämonen.
Sind arme Wesen, die am falschen Platze wohnen.
Komm mit, Mahindi, wir tragen ihn zu Pluto, und da kann er rasten.
Da gibt es sicher einen gut sortierten Erste-Hilfe-Kasten.“ ―
„Wir fangen mittlerweile an mit unsrer heilgen Prozedur“,
erklärt nun Sue. „Bleibt fern, wenn ihr zurückkommt, ihr stört nur.“
Rudi und Mahindi greifen sich den ohnmächtigen Monsignore
und schleppen ihn hinfort. Pluto taucht auf, kommt ihnen entgegen
und fasst mit an. Geöffnet sind die Friedhofstore.
„So ist er von der heißen Zone weg“, sagt Pluto. „Ist ein Segen.“
Sue greift sich Miranda, die an den Steinfüßen der Draisschen Staute gekauert,
und als sie zu den Rädern schreiten, hört man ringsum des Pelotons Rauschen
schon wieder. Es stoppt. Sie hören Atmen hundertfach, werden belauert.
Sie knien sich hin, Miranda weiß, Sue ja noch schwarz. Und alle lauschen.

Dann hinter ihnen Schritte. Drei Männer baun sich um die Stele auf,
als Rückhalt: Pluto, Rudi und ein kräftiger Texaner. Er die Trommel schlägt,
erst zögernd, so als fielen Regentropfen, gebieterisch darauf,
bezwingend, und nun Sue begreift und singt, weit ihre Stimme trägt:

„Lafanmi o, an n rasanble nan
demanbre a,  n pral fè seremoni an.
Limen balenn nan –
o an n rele lwa yo.
Sonnen ason an – rele Papa Legba. .
Nan kafou a, o nou angaje. Papa Legba –
louvri baryè pou lwa yo.”

„Öffne den Weg, o Papa Legba”, so Pluto übersetzt für Rudi leise.
„Er ist der Chef der Geister, doch damit den Weg er weise,
braucht er die Lua, seine heilgen Helfer, große Seelen,
die mitwirken, dass unsre arme Seelen ihren Weg auch nicht verfehlen.“
Miranda steht nun auf und geht vor, ein paar Schritte.
Sue folgt ihr, legt den Arm um sie, die Trommel schweigt.
„Ich sehe euch ganz klar“, Miranda sagt, „und habe eine Bitte:
Seht euch auch an, was seht ihr? Durch euch hindurch?“ Miranda zeigt
sich leicht verwirrt: „Ich hab Kontakt. Es gibt Bewegung, man sucht Rat.
Sie stöhnen, fragen, bitten … Bleibt ruhig, jeder wird befragt.“
Sie hört lang zu. „Pjotr kam vom Lager, hat er nur gesagt,
sein Haus war fort, seine Familie tot, es blieb ihm nur sein Rad.“
Sie geht nach rechts. „Ein deutscher Junge, ich versteh den Namen nicht.
Tieffliegerangriff, in den letzten Tagen jenes Kriegs Ende April.
Das ist’s, woran er sich erinnert, mehr er nicht sagen will.
Ihm fehlt die Mutter, schon seit vielen Jahren, ach, er braucht das Licht.“
Der nächste. „Terence war ein hoch begabter Hochradkünstler und –athlet,
verließ Familie und Land, um im Vereinten Königreiche anzutreten
zu Rennen. Sein Hochrad liebt er so, doch gab es einen Sturz, sagt er betreten.
Er fährt nun Tandem, mit dem Engländer, meint er, das geht!“
Miranda leiht dem vierten Geist ihr Ohr. „Hm. Eifersucht.
Und Alkohol. In den Weiten Kanadas. Er tötete die Frau,
die untreu war, erinnert sich an sonst nichts mehr, nicht Bau,
nicht Hinrichtung, nur dass er sich schon oft verflucht.“

Pluto sagt zu Rudi: „Sie denken, dass sie noch am Leben sind.
Die erdgebundnen Geister spuken nicht, weil’s ihnen Freude macht.
Man muss ihnen erklären, dass sie tot sind, dass jedoch die Nacht
der Zwischenwelt mal endet. Wenn sie’s wollen, geht’s ins Licht geschwind!“
Sue summt: „Lem retounin pral’l remercie lwa yo
Paren Legba ouve barye pou mwem,
ouve barye pou mwem Legba pou mwem
rantre lem’l retounin ma va remersie Lwa yo.“
„‘Ouver barye‘, verstehst du auch: mach auf alle Barrieren!
So Pluto flüstert, „ich werde danken, Legba, werde dich verehren!“

Sue wird nun lauter: „Euer Leben war sehr schwer.
Schaut hin! Seht ihr denn wirklich eure Leiber?
Ihr seht die Fahrradrahmen, Speichen, uns zwei Geisterweiber.
Indessen, seht es ein, das Leben mit dem Körper ist nicht mehr.
Versucht mal, Rad zu fahren ― das gelingt euch nicht!
Ihr wollt den Lenker packen, eure Hand kann ihn nicht fassen,
geht glatt hindurch, ihr seid bloß Geister, seid die Leichenblassen.
Wir retten euch, habt nur Vertraun und haltet Ausschau nach dem Licht.
Wir brauchen Hilfe, betet nun mit uns, ich sag’s euch, denn:
Gede nan morn alon move guede guede nan morn.
Gede nan morn alon move guede guede nan morn.
La vie miyor miyor passe bien.“
„Sie bittet hier um einen guten Tod”, Pluto erklärt
Im Flüsterton. „Sie sollen nicht mehr spuken und nicht an den Rädern kleben,
sondern sich sputen, um zu finden das wahrhafte Leben.
Jetzt wird es ernst! Bete mit, Rudi, es ist’s wert!“
Miranda ist erregt. „Sie mustern sich und fragen, was sie können tun.
Die dumpfe Existenz, in der sie sich befinden, ist ihnen längst klar.
Sie sind bereit, sie schauen, wollen beten, es ist offenbar,
dass der Moment der Ablösung sich nähert nun.“

„Dort drüben warten voller Spannung alle, die euch lieben“,
wirbt Sue, „und drüben heißt dort hinten, an dem Horizont,
der gleich, wenn Legbe hilft, von Strahlen wird besonnt.
Es ist der Weg zum Glück, der einz’ge, der verblieben.“
Sie singt beflügelt und begeistert, froh:
„O Legba! Commande,
Vie Legba! Commande!
Commande-yo!“

Das Atmen ringsumher wird intensiver
Und klingt wie Fauchen. Aber plötzlich: Stille. Reglosigkeit.
Alles hält den Atem an. Das Ende? Die Unendlichkeit?
Die Dunkelheit wird dichter, schwärzer, tiefer.
Das dauert zehn Minuten oder dauert ein Jahrhundert.
Wer zusieht, wer mitschweigt und Zeuge ist,
sein Leben oder Dutzende der früh‘ren Leben er durchmisst,
durchmisst und sich nicht drüber wundert.
„O Legbe!“ stöhnt vernehmlich Sue und weint.
Miranda streichelt sie und sagt: „Macht euch bereit!“
Viel weißer strahlt am Körper nun ihr Kleid,
denn aus der Ferne her, vom Horizont, ein Glanz erscheint.
Alles erglänzt, es leuchtet überirdisch jede Faser, jede Stelle,
jede Pore ihrer Körper, die Draissche Stele strahlt wie golden,
und alle schließen ihre Augen vor dem Licht, dem holden,
das nicht vergönnt dem Sterblichen, fast unerträglich ist die Helle.
Dann heben von den Rädern sich vier Schatten
Und fliegen fort, gemächlich zwar, und doch wie Projektile
Dorthin, wo groß das Licht, zum Horizont, dem Ziele
Des Wegs, um sich dort mit den Lieben zu begatten.
Neben Sue liegt auch Miranda auf der Erde,
als schlagartig das Licht erlosch. Wieder das Dunkel.
Am Himmel noch vermehrtes Sterngefunkel.
„Phänomenal, das Leben, dieses Stirb und Werde“,
murmelt noch Pluto, bevor er Rudi lang umarmt
und den Texaner dann; während Sue und Miranda wieder stehen
und andächtig hinauf zum Sternenschauspiel sehen.
Sue sagt: „Legbe und Samedi haben sich unser erbarmt!“

Pluto umarmt nun beide Frauen. „Das war sensationell!
Ihr habt für unsren Friedhof Ehre eingelegt
Und gut gehandelt, uns bezaubert, uns bewegt.
Ihr habt die Geisterstunde gut genutzt, das ging ja schnell!“
Und wie als Antwort darauf kommt der Glockenschlag.
Einmal. „Sie sind nun schon in guten Händen“,
sagt Pluto. „Unsre armen Geister können sich jetzt trennen
von den Erinnerungen eines tristen Lebens und erkennen,
dass unser Leben ewig ist, doch Schlimmes auch wird enden.“
Mahindi, immer fürsorglich, bemüht und unauffällig,
bemüht sich um Miranda, will sie heimbringen zum See
in seiner Rikscha, wie er’s immer macht, anstellig,
und sie wird sich erholen, wie auf Wolken fahren, wie auf Schnee.
Sie sagt zum Abschied noch zu Sue: „Du musst es wissen:
Ich sah es gestern, du und Rudi und zwei andre werden bei dem Rennen
Morgen irgendwie … verschwinden, mehr konnt ich nicht erkennen.
Ob ihr nun fahren wollt? Befragt euer Gewissen.“
Sue drückt ihr fest die Hand. „Meinst du, dass wir ― sterben?“
Miranda antwortet: „Du weißt, das ist nie klar, ihr schwebt,
ihr seid vielleicht in einer andren Dimension, ihr lebt,
jedoch nicht hier, die Seele bleibt, man kann sie nicht verderben.“
Die vier Besitzer der vier ehemals bespukten Räder
Sind hergekommen aus dem Schatten ihrer Bäume.
„Die Geister flogen fort wie die Raketen, durch den Äther!“
So staunen sie. „Unglaublich. Stoff für zehn Alpträume.“

Als letztes führt Friedhofsverwalter Pluto Rudi und auch Sue
Hinaus zu ihren Rädern. „Die Cruiser sind, leider, für mich und Proserpina,
die hier die Toten mit verwaltet. Ihr habt ja eure eigenen. Seht zu,
dass ihr beim Rennen ruhig bleibt, und keine Panik, denn im Nu
seid ihr, wo man euch braucht. Fragt gerne mich, bin euch ein ergebner Diener.“
Pluto verneigt sich, hebt die Hand und schließt die Tore zu.
Rudi sagt: „Damit sind wir ausgeschlossen vom großen Reich der Toten,
das zu betreten Lebenden angeblich ist ‚ausnahmslos verboten‘,
sang Wolfgang Ambros im ‚Zentralfriedhof‘. Das Leben hat uns wieder.
Du warst so toll. Ich bin begeistert. Die Zukunft scheint mir bieder,
nach allem, was wir hier erlebten. Ich habe keine Lust zu schlafen,
will über alles reden, was wir taten, über alle, die wir trafen
und über dieses Rennen, das, wie man uns glaubhaft hat versichert,
ein Ende bringt, wenn wir es fahren, oder einen Neubeginn.
Es ist ein Risiko, doch auch ein Reiz, gibt einen neuen Sinn.“
Sue löst die Kette ihrer Räder. „Was ist mit deinem Energievampir?
Er ist kein Geist, sondern eine Erinnerung … von ihr.“
Rudi erblasst. „Sie … lebt in mir, es stimmt, ich bin von ihr besessen,
nach all den Jahren; will’s so sehr, doch kann sie nicht vergessen.“
Sue küsst ihn. „Doch, du kannst es. Du denkst nur an mich
Und an niemanden anders. Und nur auf diese Weise wandelt sich
der Schatten, der auf unheilvolle Weise auf dir liegt
in einen Hauch, der sich erhebt und leicht verfliegt.“
Rudi küsst nun Sue. „Ach, würd‘ er sich entfernen!“
„Hab Mut!“ singt Sue. „Und bete zu den Sternen!“

 

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