Die andere Welt

Ich lese gern die Missionsblätter der Benediktiner von St. Ottilien, die meine Mutter regelmäßig bekommt. Die christliche Mission hat in der Vergangenheit viel Schlimmes angerichtet; doch die Missionsbenediktiner heute wirken in der Krankenpflege und im Erziehungswesen und tun viel Gutes. Ein Mission kann auch ein Ruheort in dieser hektischen Welt sein – und darum geht es heute.

afrika1Ich las die Reisebriefe aus Afrika von Henryk Sienkiewicz von 1891. Der polnische Autor (1846-1916) war ein großer Reisender und erkundete Zentralafrika. Damals war sein Roman Quo vadis noch nicht erschienen, der ihm Ruhm einbrachte. Sienkiewicz hatte einen Empfehlungsbrief eines Kardinals und suchte die Weißen Brüder auf, »deren Missionsgebäude am Meere liegt«, auf dem afrikanischen Festland, dem die Insel Sansibar vorgelagert ist. Es sei einfach und unterscheide sich nicht von den arabischen Häusern. Sienkiewicz fährt fort:

Im Innern klösterliche Stille. Der Hof ist zugleich Garten. Bei Eintritt erblickt man im Hintergrund eine gitterartige Laube, von Schlingpflanzen überwachsen; aus dem Grün der Laube schaut eine kleine Muttergottesstatue hervor. Unter der Statue leuchten purpurrote, herabhängende Blumen, zwischen denen zahme, grüne Papageien herumlaufen. Dicht hinter der Laube ist ein Zaun, der von Blumengewinden umrankt und von hohen Palmen überragt ist. Der Hofraum dehnt sich bis zum Meere aus und ist mit jungen Mango- und anderen Bäumen bestellt, in deren Schatten Sonnenstrahlen zittern; schließlich verliert sich der Blick in der Unendlichkeit des Meeres …

Im Garten herrscht feierliche Stille, wenn die Kinder keinen Lärm machen; nur die Sonne wandelt, blickt auf die tiefe Erde und die Menschenkinder und brennt. Am Nachmittage bewegen sich zwischen den Gartenbeeten und den Bäumen die Mönche in ihrem weißen Ordenshabit und man hört das Lachen der kleinen Negerkinder; aber auch dann scheint über Haus und Hof das Wort »Pax« zu schweben. Dort in der Stadt rauscht das Getriebe des Handels; Araber, Hindus, Deutsche, Engländer, Neger kaufen, verkaufen und kämpfen um Verdienst und Gewinn. Hier aber zerschellt die Woge dieses Treibens schon an der Schwelle. Hier ist eine andere Welt, in der es sich um andere Dinge handelt. Diese Welt ist wunderlich durch die Lossagung von der alltäglichen Plage und eigentümlich auch durch die Stille.

afrika2Ein guter Bekannter hier am Ort, auch ein Pole, hat kürzlich drei Tage auf Exerzitien im Kloster Andechs nah am Ammersee verbracht und schwärmte davon. Er stellte es ähnlich dar wie Sienkiewicz: Man trete in eine andere Welt ein und lasse das Chaos hinter sich; alle sind freundlich; man bete morgens, mittags und abends mit den Brüdern, gehe spazieren und rede über Gott und die Welt. Ein Segen, meinte Marian.

Henryk Sienkiewicz musste gegen Ende seines Aufenthalts ein Spital auf Sansibar aufsuchen, weil ihn das Fieber geschwächt hatte.

Ich läute am Hospitale, wo ich schon erwartet werde, da mich Pater Ruby bereits angemeldet hat. Das Tor wird geöffnet und ich sehe die blassen, milden Gesichter der Schwestern, umrahmt von den weißen Flügeln der Hauben. Bei der sinkenden Sonne erscheinen die Hauben vergoldet und die Gesichter kommen mir vor, als wären sie aus Gemälden von Fra Angelico herausgeschnitten. Der Garten ist mit Bäumen dicht bestanden. An den weißen Mauern ranken Schlingpflanzen und Wicken; überall heilige Stille. Ich fühle, dass mir hier wohl sein wird und dass ich an Leib und Seele gesunden werde. Der Sonnenuntergang ist nahe; der Himmel rötet sich immer mehr …, es wird Ave Maria geläutet …   

† † †

Die Illustrationen sind von mir: aus dem Kloster Songea vermutlich (oder einer anderen Abtei in der Nähe), wo ich 1984 war. Meine Fotos sind schwarz-weiß und wirken, als seien sie 1884 gemacht worden. Es sind auch keine Menschen drauf. Ich hatte zwar mein Studium erfolgreich abgeschlossen, aber Angst vor ihnen. Ich weiß noch, wie ich mit 18 Jahren äußerte, ich würde gern ins Kloster gehen. Dann wollte ich Priester werden, ließ es aber nach einem Semester sein, damals, 1978. Dann hat man das weltliche Treiben 40 Jahre miterlebt und kommt zu dem Schluss, dass viel Glück da nicht zu holen ist. Man kann aber auch im Leben ein Mönch sein, es muss ja keiner davon wissen.

 

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