Die Höhen von Machu Picchu

In seinem Canto General schreibt der chilenische Dichter Pablo Neruda (1904-1973) auch über Machu Picchu, von den Inkas auf 2430 Meter Höhe erbaut. 1000 Menschen lebten dort, seit die Stadt bis zum Jahr 1450 errichtet wurde. Im Jahr 1532 drang Pizarro in Peru ein, und die Spanier eroberten das Inkareich. Deshalb hatte Machu Picchu eine kurze Blüte; die Stadt wurde verlassen. Las alturas de Machu Picchu heißt Nerudas aus elf Kapiteln bestehender Zyklus, und VI und IX gefallen mir am besten. Fotos gibt’s dazu.

Lateinamerikanische Autoren sind schwer zu übersetzen, aber all das Blumige, Surreale und Pathetische darin fasziniert (etwa: Octavio Paz). So muss Dichtung sein, denkt man sich: voller Leben und Buntheit. Dort oben in Machu Picchu herrschen: der Stein und der Tod.

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VI

Und dann bin ich die Treppe der Erde emporgestiegen
durch das furchtbare Gestrüpp der verlorenen Wälder
bis zu dir, Machu Picchu.
Hochgelegene Stadt aus Treppensteinen,
schließlich Wohnung, was das Irdische
im Gewand der Behausungen nicht verbarg.
Bei dir vermischen sich fast zwei parallele Linien,
die Wiege des Blitzes und des Menschen,
verwischt in einem Wind aus Dornen.

Mutter aus Stein, Schaum der Kondore.

Hohes Felsenriff der menschlichen Morgenröte. (…)

 

Dort oben, in den Anden, nahe der Kälte des Universums.

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Neruda träumte sich in eine Kette von Assoziationen hinein und warf sie aufs Papier.

IX

Sternenadler, Weinberg aus Nebel.
Verlorene Bastion, blinder Säbel.
Besternter Gürtel, feierliches Brot.
Fluten aus Treppen, immenses Augenlid.
Dreieckige Tunika, Blütenstaub aus Stein.
Blitz aus Granit, Brot aus Stein.
Mineralische Schlange, Rose aus Stein.
Begrabenes Schiff, Quelle aus Stein.
Mondpferd, Licht aus Stein.
Geschwader des Äquinoktiums, Dunst aus Stein.
Finale Geometrie, Buch aus Stein.
Eisscholle in schleifenden Böen.
Koralle der versunkenen Zeit.
Stadtmauer für die geschmeidigen Finger.
Dachlandschaft für besiegte Federn.
Zweige des Spiegels, Zentren der Folter.
Umgestülpte Throne für die Schlingpflanzen.
Regiment der blutigen Kralle.
Seewind, den Abhang entlangfegend.
Regloser Katarakt aus Türkis.
Patriarchalische Glocke der Eingeschlafenen (und mehr …)

Giovanna ist schon wieder woanders und schenkt uns noch ein Bild von Puna mit dem Titicacasee und der Jungfrau von Quito in Ekuador, die sich Engelsflügel angeheftet hat.

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