Ecstasy

Auf eine ganz wilde Geschichte ließ ich mich ein … natürlich in einem Buch. Lesen statt leben. Kann auch anstrengend sein. Ecstasy ist 1993 erschienen, ein Roman des Japaners Murakami Ryû, und es geht um Drogen und Sex, Unterwerfung und Überwindung: Sado-maso in Kürze. War ins Französische übersetzt. In zehn Tagen hatte ich es durch; war jeden Morgen gespannt auf die Fortsetzung.

Ryu_MurakamiDrogen, Sex und Luxusleben, vielleicht war das vor 30 Jahren der Lebensstil. Wenn ein Japaner sowas schreibt, kann man sicher sein, dass es ans Limit geht. Murakami Ryû (geboren 1952), das »Enfant terrible« der Literatur Japans, darf nicht mit Murakami Haruki (1949 geboren) verwechselt werden, der oft schon als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis gehandelt wurde. Zu dessen Autobiografie von 2007 wird erwähnt: »Seine Ehefrau erwähnt er nur knapp als die Person, die ihm das Essen zubereitet und meist im Zieleinlauf auf ihn wartet.«

Bei Ryû wartet auch eine Frau auf den Erzähler, den jungen Herrn Miyashita. Fängt an wie ein Krimi. Er trifft in der Bowery in New York einen obdachlosen Japaner, der ihm eine Telefonnummer zusteckt. Da solle er in Tokio mal anrufen, es sei eine Frau. Ihre Stimme klingt gefasst, neutral. Er solle erst bei einer Adresse »ein Produkt« abholen und es mit einer lieben Freundin ausprobieren. Dann könne man sich treffen. Miyashita hat Akemi lang nicht gesehen, man geht aus, dann in ein Hotelzimmer, nimmt das Produkt (Ecstasy-Tabletten) und erlebt eine ekstatische Liebesnacht.

2024-03-21-0001Ein Hotelzimmer im Ginza-Viertel. Da sitzt also eine junge Frau, schön, langbeinig, elegant gekleidet und irgendwie unnahbar. Sie sagt: »Ich bin Keiko, Keiko Kataoka. — Wie war das Produkt?« Miyashita sitzt ihr gegenüber, sieht die Lichter der Großstadt und soll ihr zuhören. Sie wolle ihm ihre Geschichte erzählen. (Das wird sich über 100 Seiten hinziehen, ein Drittel des Romans.) Das ist ja große Romantradition: Jemand erzählt seine Geschichte.

Keiko Kataoka lernte Yazaki kennen (so heißt der Obdachlose aus New York), der als Produzent von Muscials reich und berühmt wurde. Er ist eine verwandte Seele: dominant, zielstrebig, gewissenlos. Sie fliegen von Venedig nach Barcelona, von Paris nach New York, mieten sich in den teuersten Hotels ein, trinken Champagner zu 1000 Dollar die Flasche, ziehen sich viele Linien Koks in die Nase und treiben es die ganze Nacht hindurch erotisch. Das ganze Programm, Richtung Sadomaso. Sie geht auf allen Vieren vor ihm, wird von ihm von hinten befriedigt und mehr: alles, wie es der Marquis (de Sade) 200 Jahre zuvor uns ausgemalt hatte. Sie erzählt das, scheinbar teilnahmslos. Miyashita hört zu und bemerkt:

Ein unnormal starker Magnetismus ging von ihr aus, der mich lähmte. … »Sie haben die Gabe der Konversation« (sagt sie lobend). Ihr Kompliment erzeugte in mir eine Art Ekstase. Ich bin nichts als ein Hund, dachte ich. Ein Hund, murmelte ich, und in dem Augenblick, als ich das wiederholte, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich am Rand eines Abgrunds stand. … Ich spürte plötzlich das Verlangen, mich vor ihr niederzuwerfen. … Dieser Wunsch ergriff von mir Besitz. … Eine Linie Koks, dachte ich. Ich hätte mich vor dieser Frau nackt ausziehen mögen, mich vor sie hinknien und die Spitze ihrer Schuhe küssen. … Ihre Gegenwart war dabei, mich auszulöschen, und in dieser Verzweiflung überlegte ich, was mich retten könnte. …

Der Erzähler im Roman, der sich das Leben anderer erzählen lässt, ist in der Tradition meist passiv. Hier ist das völlig überzeichnet und geht in Masochismus über. Miyashita ist nicht der souveräne Erzähler à la Thomas Mann, der über den Dingen steht; er liegt sozusagen unter den Dingen, halb zerquetscht schon, zu Keiko Kataoka aufblickend (Schon wegen dieses Namens will man das Buch lesen!).

Keiko erzählt von einer neuen Frau, Reiko. (Klingt ähnlich, ist natürlich Absicht; die beiden sind austauschbar.) Keiko und Yazaki hatten die Gipfel der Lust erklommen, doch das Paradies ist nicht für ewig, erkennen sie. Was nun? Sie ziehen Reiko mit in ihren Kreis, eine 20-Jährige, begabt und willensstark. Nächte zu dritt. Manchmal auch zu viert oder zu fünft. Reiko begleitet bald Yazaki, Keiko ist abgemeldet.

service-pnp-cph-3g00000-3g08000-3g08600-3g08658rWas passiert dann? Keiko befiehlt Miyashita, er solle wieder nach New York reisen und Yazaki treffen. Sie gibt ihm Geld mit, Yazaki tritt ähnlich auf wie Keiko: sarkastisch, machtverliebt, wegwerfend, nur den eigenen Genuss im Kopf. Warum er obdachlos ist, weiß man nicht. Angeblich will er einen Roman schreiben. Reiko lebt in Paris. Auch mit magnetischer Ausstrahlung, aber leer, als habe sie ihre Persönlichkeit verloren. Miyashita ist auch nicht mehr richtig bei sich. Er saugt so viel Koks in sich auf, dass jeder andere daran gestorben wäre. Kann nicht mehr schlafen. Ein paar Aspirin, um das Herz zu schonen. Ein paar Bier.

Es geht auch irgendwie zu Ende, und Miyashita scheint überlebt zu haben. Was weiß er nun, was wissen wir? Wir haben drei unangenehme Menschen kennengelernt (und noch ein paar ziemlich unangenehme Randfiguren), und das Brillante an dem Roman ist die Atmosphäre, die er erzeugt, die seltsame Welt, in die er einen katapultiert … und nicht zuletzt wirft dies Ding um Drogen und Sado-Maso Fragen auf nach Macht und Liebe, Trieb und Sinn. Das ist aber etwas für morgen.

 

Bild unten rechts: Ronin in Doorway, von Taiso Yoshitoshi (1839-1892), Dank an die Library of Congress, Washington D. C.

 

 

Die Kommentarfunktion ist derzeit geschlossen.