Selbstbewusst

Zwei Mal stieß ich kürzlich auf das englische Wort self-conscious. Wörtlich übersetzt, heißt es selbstbewusst, aber nichts da! Es bedeutet befangen, verlegen. Selbstbewusst wird mit self-confident oder self-assertive übersetzt. Das self-conscious ist also ein falscher Freund, a false friend. Hat auch philosophische Hintergründe, und die decken wir auf.

Wir alle wollen selbstbewusst sein. Ich erinnere mich noch an den Titel Selbstbewusstsein kann man lernen von Peter Lauster und die zehn Punkte, die ich mir einprägte. Hat natürlich nichts geholfen. Aber wir glauben ja, dass jemand etwas ist und etwas anderes nicht, und das ist falsch. Hängt eben auch von der Situation ab.  

Das Bewusstsein ist ein schwieriges Gebiet, aber bewusst bin ich im Sinne von anwesend. Ich weiß, dass ich bin und wer ich bin, und mein Bewusstsein hat Inhalte. Es macht mich aus. Wenn der Inhalt ich bin, dann weiß ich wohl, wer ich bin und was ich kann, ich kann mich vertreten und gegen andere wehren; ich kann mich behaupten. Ich stelle mich hin und sage: Hier bin ich. Ich. Bin mir meiner selbst bewusst, ich spreche und schaue mir überlegen dabei zu. Das ist die deutsche Version.

 

In Englischen ist das anscheinend anders gemeint. Da ist es nicht gut, wenn ich mir meiner selbst bewusst werde. Gut ist, wenn ich so sehr ich bin, dass es selbstverständlich ist. Ich muss mir meiner selbst nicht bewusst sein, ich bin eben hier. Ich handle unbewusst-bewusst. Wenn ich dein klares Bild von mir habe, muss ich nicht an mich denken. Dann aber werde ich selbstbewusst. Ich sehe mich. Plötzlich stehe ich blöd in der Landschaft, finde mich selbst völlig daneben, bin befangen, und das heißt, dass ich irgendwie gefesselt bin und nicht frei, zu reagieren. Ich drücke herum und versuche, der Situation zu entkommen. Ich sehe mich selbst, wo ich mich nicht selbst sehen sollte.  

Aber auch in einem Artikel über Laurence Sterne stand das self-conscious. Er sei, meinte ein Philologe, als empfindsamer Autor self-conscious gewesen, aber er habe sich das nicht nur vorgemacht.  Auch da klang es etwas negativ: Laurence gab vielleicht auch den empfindsamen Autor, er war sich dessen bewusst, was er tat, aber inwiefern jemand etwas spielt oder ist, können wir nicht entscheiden.

Ich bin eigentlich oft gut drauf und gelassen, aber am letzten Donnerstag wollte ich zu einer Veranstaltung auf dem Marktplatz, die Band spielte, und ich machte erst einen Spaziergang. Dann wollte ich noch mal hin, da waren Leute, die ich kannte – doch ich konnte es nicht. Da oben waren alle, und mir brach fast der Schweiß aus. Ich dachte, dass alle mich sehen und trat den Rückzug an. Ist auch eine Sache der Tagesform. Aber da war ich self-conscious: Ich sah, wie andere mich sehen würden und wollte das vermeiden.  

Die englische Version ist mir eigentlich näher. Man projiziert sich nach draußen, ohne sich bewusst zu sein, dass man das ist. Kein Ich sollst du haben und einfach handeln, meint Krishnamurti, dann wird alles am besten. Wir mit unserer Geschichte der quälenden Innenschau und den idealistischen Philosophen, wir tiefen, melancholischen Deutschen finden es gut, wenn man sein Ich immer anschaut und es bewusst hinausschleudert. Aber die Menschen im englischen Sprachraum wissen, dass zu viel Bewusstsein schädlich ist.

Illustration. Rolf Hannes

 

Ein Kommentar zu “Selbstbewusst”

  1. Regina

    Lieber Manfred,

    vielleicht ist doch beides möglich, wie in diesem vor längerer Zeit schon mal durchdachtes und kommentiertes Thema: The knowing of oneself – it is all in yourself. And only when there is this clarity and the understanding of oneself, both at the conscious level as well as in the deeper hidden levels – which is part of meditation – can the mind, uncluttered and free, proceed into things that can never be put into words, that can never be communicated to another……. To come upon its beauty and innocency; without it life has really no meaning at all. ciao Regina

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