Dennoch ein anderer sein

Gestern radelte ich nach Freiburg und holte mir Lektüre, da ich heute mit dem Zug zur Buchmesse fahre. Aus den zehn angebotenen Romanen von Laurens van der Post (siehe Flamingofeder) wählte ich den aus, dessen Titel mir am besten gefiel: Yet being someone other. Dennoch ein anderer sein. Ich setzte mich Nähe Schwabentor auf eine Bank und fing den ersten Absatz zu lesen an, toll, und da fiel mein Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite …

Da kniete sich ein Mann mit Lederjacke nieder, der graue Haare mit Pferdeschwanz hatte. Plötzlich flog mich eine Assoziation an: Albert Schmid. Das ist ein symathischer freier Fotograf in Freiburg mit langen Haaren, den Giovanna und ich damals in Freiburg mochten. Was ist aus ihm geworden? Als ich das dachte, packte der Mann eine Kamera mit Teleobjektiv aus und richtete sie sehr professionell auf ein Ladenschild.  

Ich ging hinüber, musterte ihn, aber Albert Schmid war es nicht, und doch … Ich fragte trotzdem: »Heißt du zufällig Albert?« Er war überrascht, verneinte, nahm aber den Ball auf und sagte gleich: »Albert Schmid ..?« Die gewisse Ähnlichkeit war ihm also bewusst. Ja, er treffe Albert noch manchmal in der Stadt, er habe noch sein Studio; er selber sei freier Fotograf und heiße Thomas Kunz, und dann nannte ich ihm meinen Namen und erzählte, was mich mit Albert verband. Dann trennten wir uns. 

Schön wäre es gewesen, wenn ich Albert Schmid dann leibhaftig getroffen hätte, aber das geschah nicht. Was ich sagen möchte: Ich las den Beginn von Dennoch ein anderer sein, und es war, als hätte sich das Motiv des Buches sofort in der Welt draußen konkret gezeigt. Da war einer, der nicht der war, für den ich ihn hielt, aber er sah ähnlich aus und hatte dieselbe Profession, war also gleichzeitig der andere. (Die Zeile geht auf T. S. Eliot zurück: »Knowing myself yet being someone other«, aus dem Gedicht Little Gidding: »Mich kennen, dennoch ein anderer sein«)   

Hätte ich das Buch nicht zu lesen angefangen, hätte Thomas Kunz genauso sich hingekniet und sein Foto gemacht. Aber nun erhielt sein Hiersein eine zusätzliche Bedeutung, die ich ihm gab: Er spielte mir wie ein Schauspieler meine Gedanken vor. Er kam nicht hierher, um diese Rolle zu spielen, sondern es war eine Art sinnvoller Koinzidenz. Er wurde vielleicht nicht hierhergeführt, um mir das vorspielen zu können, eher wurde ich zu ihm hingeführt; oder besser: Wir kamen zusammen.   

Gedanken erzeugen ein Kraftfeld, das Wirkungen hervorbringt, und die Welt ordnet sich um dieses Feld herum an. Man kann die Kraft der Gedanken nicht beweisen, und ich kann nicht beweisen, dass mein Erlebnis damit zu tun hat. Aber es könnte sein, dass wir unsere Gedanken unterschätzen und viele Wirkungen einfach nicht sehen, weil wir die Welt für etwas dort draußen halten und nicht (auch) unserem Geist unterworfen.  

 

 

 

 

 

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