Leben im Mittelalter

Meine Lektüre brachte mich zu dem Buch Miracle Cures von Robert A. Scott (2010). Da geht es um Wunder durch Heilige im Mittelalter und um das Leben damals. Interessiert mich. Bei Volksfesten treten ja manchmal Gaukler vor Zelten auf, und man simuliert das Leben im Mittelalter. Alles Fiktion.

Der 1935 geborene Autor Scott ist natürlich Professor (gewesen) und gehört zum Sarum Seminar, einer Gruppe von Leuten, die sich seit 15 Jahren in San Francisco treffen und über das Mittelalter diskutieren. Etwas seltsam, denn in den USA gab es da ja nur Indianer, oder? In den ersten 30 Seiten seines Buchs schreibt er, wie man damals lebte. Ein Drittel aller Kinder starb vor Erreichen des fünften Lebensjahrs. Um 1420 betrug die Lebenserwartung etwa in Florenz 29 Jahre. Nur 10 Prozent aller Bürger kam über das 60. Lebensjahr hinaus.  

Mittelalterort: Ceri bei Cerveteri

In England untersuchte man Skelette aus dem zehnten und elften Jahrhundert. 94 Prozent der Verblichenen waren vor dem 45. Lebensjahr gestorben. Die Pest war natürlich eine schreckliche Krankheit. Aber auch Unfälle waren weitaus häufig als heute. Kinder wurden oft alleine gelassen, und da gab es das Feuer im Herd, Bäche draußen, und viele verunglückten.  

Roger Ekirch hat ein Buch über die Nacht im Mittelalter geschrieben. Wer nach Anbruch der Dunkelheit draußen war, riskierte sein Leben. Durch den Vitaminmangel sahen die Leute nachts schlecht, eine Straßenbeleuchtung existierte nicht; dafür gab es Kanäle, Flüsse, Baumstümpfe, Gruben mit menschlichen Exkrementen, und wer betrunken vom Pub nach Hause torkelte, erlebte den nächsten Tag oft nicht mehr.  

In den Städten war die Feuersbrunst die große Gefahr. Überall Kerzen, und eine unbewachte löst ein Feuer aus. Stadtteile oder ganze Städte gingen in Flammen auf, und man löschte nur mit Eimern voll Wasser. In den Ansiedlungen marodierten zusätzlich Räuber und Mörder. Die Mordquote lag fünf- bis zehnmal so hoch wie heute. Kaum ein Mörder wurde gefasst. Häusliche Gewalt grassierte, Meinungsverschiedenheiten wurden mit brutaler Gewalt ausgetragen, Hexen wurden verbrannt und Gruppen von Briganten überfielen Dörfer.  

Es herrschte Armut, es gab Waffen, aber es gab keine sichtbare Polizei. Der Alkohol tat das Übrige. Die mittelalterliche Gesellschaft war auf die Ehre aufgebaut, und wenn es keine Ordnungskräfte gibt, hat es die Selbstjustiz leicht. Die Religion verstärkte die Tendenz zur Brutalität: Heretiker (Abweichler oder Ketzer) durften getötet werden, es war sozusagen Gottes Wille. Nein, das Leben im Mittelalter war kein Spaß.

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