Hinter den Kulissen

Der längere Essay Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen von Norbert Elias (1897-1990) erschien 1982, aber die vergangenen 30 Jahre haben nichts an seiner Aktualität geändert. Immer noch wird der Tod verdrängt, indem die Sterbenden in die Intensivstationen abgeschoben werden.

Greifen wir ein paar Kernaussagen heraus. Elias, der durch sein Buch Der Prozess der Zivilisation bekannt wurde, hat Phänomene, die andere ignorierten, immer mustergültig verortet, sie in einen geschichtlichen und gesellschaftlichen Rahmen gestellt. So schreibt er: »Der Tod ist einer der großen bio-sozialen Gefahren des Menschenlebens. Gleich anderen animalischen Aspekten wird auch der Tod als Vorgang und als Gedanke hinter die Kulissen des Gesellschaftslebens verlegt. Für die Sterbenden selbst bedeutet dies, dass auch sie in höherem Maße hinter die Kulissen verlagert, also isoliert werden.«

Begegnung. Ölbild von Rolf Hannes

Im Mittelalter habe man schon aus Not eng zusammengelebt, und Geburt und Tod seien stärker als heute gesellschaftliche, öffentliche Ereignisse gewesen. Heute »verhält sich das anders: Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit wurden Sterbende aus der Sicht der Lebenden hinter die Kulissen des gesellschaftlichen Lebens fortgeschafft; niemals zuvor wurden menschliche Leichen so geruchlos und mit solcher technischer Perfektion aus dem Sterbezimmer ins Grab expediert.«

Elias erwähnt den »Informalisierungsschub« unserer Zeit: Alte Formeln klingen hierarchisch und haben sich überlebt, und mehr denn je werden wir mit einer gnadenlosen Rationalisierung und einer Technik-Sprache konfrontiert, die auch Gefühle in wenige, zudem vom Fernsehen popularisierte Foemeln presst. »Nur die institutionalisierten Routinen der Krankenhäusern geben der Sterbesituation eine gesellschaftliche Gestalt«, schreibt Elias. »Sie sind gefühlsarm und tragen viel zur Vereinsamung der Sterbenden bei. (…) Gegenwärtig haben die den Sterbenden verbundenen Menschen wohl oft nicht mehr das Vermögen, ihnen Halt und Trost zu geben durch den Beweis ihrer Zuneigung und Zärtlichkeit.«

»Das überhöhte Zivilisationstabu gegen den Ausdruck starker, spontaner Empfindungen bindet ihnen oft Zunge und Hand. Auch mögen die Lebenden Sterben und Tod halb unbewusst als ansteckend und so als Bedrohung empfinden; unwillkürlich ziehen sie sich dann von den Sterbenden zurück.« Zudem, beobachtete Norbert Elias, sei »die Bedeutung der Leichen und der Gräber als Focus der Gefühle geringer geworden«. Die Grabpflege überlässt man Spezialisten; die Leichen werden verbrannt und in Urnen untergebracht, das spart Arbeit.

In bezug auf das Geschlechtsleben sei eine merkbare Entspannung eingetreten, doch in bezug auf Sterben und Tod hätten sich Verdrängung und Peinlichkeitsgefühle eher noch verstärkt. Man darf sich fragen, inwieweit die Krimi-Schwemme nicht eine Aufarbeitung des verdrängten Themas sei. Da wird jemand getötet, und ein Schuldiger wird dafür gefunden: alles gut. Ruhe in Frieden; wir haben dich gerächt. In den Krimis ist der Mord und also der Tod der Motor der Handlung. Der Kommissar tritt wie Orpheus und Odysseus in den Hades ein und stellt sich dem Tod, und dann überwindet er ihn. Dahinter steht die Frage: Warum muss einer sterben? Was haben wir getan, damit wir sterben müssen? Der Krimi ist ein memento mori der Neuzeit und handelt alles auf einer oberflächlichen, individualistischen Ebene ab.

Er bezieht sich auf den homo clausus, den einzelnen Menschen, der allein sterben muss, weil er sich im Leben allein fühlt, abgeschnitten von seinen Gefühle sowie von seinen Nebenmenschen. »Dieses Erlebnismotiv des Allein-Sterbens tritt in der Neuzeit stärker zutage als je zuvor«, meint Elias. Im Kriminalfilm- und –roman steht am Anfang das Alleingestorbensein. Der Tote spricht nur noch durch materielle Zeichen an seinem Körper und in seiner Wohnung, aber auch nach Lösung des Falles schwebt seine Einsamkeit in den letzten gewaltsamen Minuten seines Todes immer noch über allem. Man versucht, den Tod zu bannen und steht doch dauernd in seinem Bann.

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