Umm Kulthum

In dem Roman Miramar verbringen die Pensionsgäste eine Nacht mit den Liedern der Sängerin Umm Kulthum (1904-1975), die in den 1940er und 1950er Jahren in Ägypten und der arabischen Welt populär war. Mansur Bahi notiert: »Die Nacht mit den Liedern von Umm Kulthum. Eine Nacht voller Wein und Fröhlichkeit. In ihr fielen die Schleier von den verborgenen Winkeln unserer Seelen.« Das ist Musik, die uns fremd erscheinen mag, aber große Kraft besitzt.

Die Roman-Nacht fiel mir wieder ein, als ich flüchtig einen Reiseband über Irak und Mesopotamien durchblätterte, wo Anfang der 1950er Jahre der Holländer C.H.J. Mallegaard fünf Monate gelebt hat. Darüber schrieb er das Buch Wasserräder am Euphrat. Da besucht er mit Geschäftsfreunden einen Abend mit Sängerinnen in Amara und ist enttäuscht; bis er dann in Bagdad ein unvergessliches Erlebnis hat:

hotelnachtEine kleine schlanke Erscheinung schlenderte aufs Podium und ging dort ein wenig auf und ab, während das Orchester mit einer Melodie einsetzte, die mich durch die Klarheit der Komposition und die Schwermut der Weise überraschte. … Die kleine Sängerin richtete sich auf, hielt den Schleier weit zwischen den Armen ausgebreitet und begann mit einem langausgehaltenen Ton, der anscheinend den Anfang jedes arabischen Liedes bildet. Doch dies war kein Schreien, kein schneidendes Gellen, sondern Ruf und Klage. Eine klare, tragende, absolut saubere Stimme mit dunklem Timbre rief und rief. Auch sie verzierte das Lied, das sich auf kleinen Umfang beschränkte, mit schnellen Triolen, die von Dur nach Moll wechselten. …

arabienEs war nicht schwer zu erraten, wohin die Sängerin uns führte. Auf den Wogen dieser ausdrucksvollen Stimme wurden wir in die weite Einsamkeit der stillen Wüste getragen. Es gab kein Entrinnen. Sie sang in einer Art Trance, oft mit geschlossenen Augen, und es kostete Mühe, sich der Gewalt dieser Frauenstimme zu entziehen. … Das Antlitz war wie eine Maske, die langen Wimpern der geschlossenen Lider lagen auf der Bronze der Wangen, und ihre Bewegungen wurden wilder und wilder. Mit den Hacken ihrer schnellen Füße warf sie den Schleier hoch, der sie umhüllte, und wirbelte über das kleine Podium wie eine Wildsäule über die unendliche Ebene. Und aus dem stürmischen Wogen von Schleier, Haar und Gewand stieg wieder die Stimme empor wie die Flucht eines weißen Vogels aus dunklem Kiefernwald.  (…) Das Mädchen stand reglos wie eine Palme in der Abendsonne und rührte sich nicht. Sie wiederholte auch nicht. Dann verschwand sie ebenso unauffällig, wie sie gekommen war.

Die arabischen Zuhörer waren begeistert, und manche machten sich mit ekstatischen Rufen Luft. Erinnert irgendwie an die andalusischen Gesänge, bei denen die Zuschauer Ole! rufen, unglaublich, wie traurig das ist, dazu muss man mal andalusisches Fernsehen schauen. Die spanische Halbinsel war ja vom frühen 8. Jahrhundert bis 1492 hauptsächlich von den Mauren beherrscht, und 700 Jahre arabischer Einfluss macht sich auch in der Musik geltend. Youtube hat auch Live-Auftritte von Umm Kulthum, und hier ist ein besonders schöner.

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