Flugverkehr (173): Los vuelos de la muerte
Die Todesflüge. Schön ist das nicht, aber wir wollen wissen, wozu die düstersten Vertreter dieser räuberischen Spezies fähig sind und waren. Die Italiener schon stießen in den 1930-er Jahren in ihrer Kolonie Libyen Stammesführer aus Flugzeugen. Die Franzosen taten es auf Madagaskar und im Algerien-Krieg. In dem algerischen Film L’opium et le baton von 1969 wird das gezeigt. Ein Helikopter hebt ab, ein Gefangener stürzt ab.
Im BBC World Service fand ich den ausführlichen Artikel »Los vuelos de la muerte« en Argentina von Analía Llorente, der heute vor 4 Jahren erschienen ist. Heute vor 49 Jahren fand der Militärputsch in Argentinien statt (12 Jahre nach dem von Brasilien, am 31. März 1964), und in den ersten beiden Jahren 1976 und 1977 (das Regime endete 1983) fand die überwiegende Anzahl der Todesflüge statt, denen nach Schätzungen 3000 Menschen zum Opfer fielen. Erst im November 2017, 40 Jahre später, wurden 48 Ex-Militärs für diese und andere Morde zu langen Haftstrafen verurteilt.
In dem Lager Campo de Mayo im Nordosten von Buenos Aires und in einer Schule der Armee (ESMA Escuela Mecánica de la Armada) an der Küste saßen regelmäßig viele tausend Menschen ein. In der ESMA etwa wurden 25 bis 30 Häftlinge ausgesucht, durch Medikamente betäubt und in einen Lastwagen gepfercht, der sie zum Flughafen Jorge Newbery brachte. Dort mussten sie eine Twin Otter oder eine Fiat G-222 besteigen. (Die zwei Flugzeuge standen ausrangiert noch 40 Jahre danach in der Nähe des Campo de Mayo.) Das geschah in den ersten beiden Jahren der Diktatur einmal oder zwei Mal pro Woche. (Oben eine der G-222 verwandte Maschine, eine C-27A Spartan.)
Die Verantwortlichen bezeichneten die zum Tode Verurteilten als die Überführten, oder sie sagten: »Sie sind Futter für die Fische; sie kommen von oben; die fliegenden Nonnen« (in Anspielung auf die Franziskanerinnen Alice Domond und Leonie Duquet, die 1977 ermordet wurden). Die halb Betäubten wurden erst ausgezogen und dann in großer Höhe über dem Meer aus dem Flugzeug geworfen.
Manche Körper wurden angespült. Der Pathologe Roberto León Dios, der Autopsien vornahm, starb auf rätselhafte Weise nach wenigen Monaten. Der Journalist Rodolfo Walsh, der am 24. März 1977 (ein Jahr nach dem Putsch) einen offenen Brief an die Junta schrieb und die Flüge erwähnte, wurde am Tag darauf auf offener Straße erschossen.
Im Oktober 2020 (43 Jahre danach) begann ein Verfahren gegen 4 Ex-Militärs, die die Todesflüge verantwortet hatten. Im Juni 2022 wurden Luis Del Valle Arce, Eduardo Lance, Ángel Delcis Malacalza und Santiago Omar Rivero zu langen Haftstrafen verurteilt. General Santiago Omar Riveros zum Beispiel, 1985 erstmals schuldig gesprochen, wurde 1989 von Präsident Carlo Menem begnadigt. 2009 und 2012 wurde er erneut angeklagt und verurteilt. Die Strafe vom Juni 2022 saß er im Hausarrest ab. Er feierte noch seinen 100. Geburtstag und starb vergangenes Jahr am 24. Mai.