Für immer hier

Dass Brasilien von 1964 bis 1985 unter einer Militärdiktatur leben musste, machte uns der neue Film Für immer hier von Walter Salles klar, der auf dem Filmfestspielen von Venedig viel Applaus bekam (10 Minuten), fast so viel wie der Almodovar-Film. Ein guter Film, keine Frage, aber wie immer ist manipogo besonders kritisch und entdeckte Schwächen. Die Rezensenten waren durchweg begeistert.

Es geht um das Verschwinden des Bauingenieurs Ruben Pievas. Er wird eines Tages (1971) zum Verhör abgeholt und kehrt nie mehr wieder. Seine Frau Eunice (Fernanda Torres) muss das alles aushalten, außerdem hat sie 5 Kinder: 4 Töchter und einen Sohn. Zufälligerweise passt das zum gestrigen Beitrag über andere Desaparecidos (Verschwundene), die die argentinische Militärdiktatur verschwinden (und ermorden) ließ. Die brasilianische war allerdings die längste auf dem südamerikanischen Halbkontinent. Nach zehn harten Jahren gab es ab 1974 Versuche, die Diktatur abzumildern.

Das alles ist im Film halbwegs ergreifend, und Salles geht von 1971, als Ruben verschwand, noch weiter und folgt der Familie über viele Jahre. So ist das ein zwei Stunden und 30 Minuten langer Film geworden.

Ich habe mich als erstes gefragt: Könnte man nicht einmal einen Film über arme oder normale Menschen drehen, deren Welt durch die Diktatur zerstört wird? Die Familie Pievas ist privilegiert und besitzt ein Haus am Meer mit einer Dienstbotin und zwei Autos, es fehlt an nichts. Der Sohn hat übrigens das Buch geschrieben, das Walter Salles (geboren 1956) verfilmte. Aber das ist nur ein kleiner Vorschlag meinerseits.

Der Regisseur wollte natürlich die Tragik zeigen, also lässt er uns 40 Minuten am glücklichen Leben der Familie teilhaben, da ist was los, da wird durcheinandergeplappert und da werden Feiern veranstaltet, und der Papa ist zärtlich, und alle lieben sich, es kam für mich etwas süßlich rüber. Das ist vielleicht mein persönliches Problem, glückliche Familien machen mich misstrauisch, und dieses Chaos muss ich auch nicht haben. So zieht sich alles in die Länge und auch später kommen alle zusammen und reden durcheinander, ist eben Brasilien, doch anstrengend ist es auch.

Ein anderer Gedanke: Wie wäre es, einmal einen Film über einen Täter zu drehen? Über einen Polizisten, der Aufträge der Diktatur ausführt und hinter deren dunklen Motiven steht? Wie rechtfertigt er sich, wie kommt er damit zurecht? Das wäre ungewöhnlich und mutig. Manchmal kommt mir diese Cineastenwelt künstlich und gut geschmiert vor, man folgt alten Rezepten und riskiert nichts, alle sind sich einig, wie böse die Welt sein kann und wie toll das Kino Gefühlen zu zeigen in der Lage ist, doch wollen (und sollen) wir nicht mehr haben? Erklärungsversuche, neue Ansätze, neue Gedanken? Wir müssen verwirrt werden, nicht Beifall klatschen sollen wir.

Da gab es doch einen Film über einen Täter! Ja, richtig: Die Saat des heiligen Feigenbaums. 15 Minuten Beifall in Cannes, ein Dokument gegen Zensur und Diktatur (Link unten), ich hielt ihn jedoch auch für zu lang und etwas zerfahren. Immerhin.

Auch die Täter sind Menschen, sie gehören auch zum Menschengeschlecht, und Verführte sind sie auch. Ein Gefängnismitarbeiter vertraut Eunice an: »Ich billige das nicht.« Aber er hat auch nicht den Mut, auszusteigen. Nach den Diktaturen muss es eine Aufarbeitung geben, wie es Desmond Tutu in Südafrika mit seiner Versöhnungskommission versucht hat.

Das Heinrich-Böll-Stiftung schreibt über die Militärdiktatur:

Die juristische Aufarbeitung, die von den Opfern und ihren Angehörigen immer schon gefordert wird, ist vom brasilianischen Staat bis heute nicht angenommen worden. Sogar die Präsidentin Dilma Rousseff, selbst Folteropfer der Militärdiktatur, befürwortet Strafffreiheit der Täter und ist gegen die Empfehlung der Wahrheitskommission. Für Rousseff ist das ein Akt der Versöhnung, entsprechend dem Narrativ des 1979 erlassenen Amnestiegesetzes. Versöhnung ist erwünscht, Strafverfolgung nicht. Zum Vergleich: In der Aufarbeitung der Militärdiktaturen in Chile und Argentinien gab es mehrere Gerichtsverfahren gegen Militärs mit dem Ergebnis langer Haftstrafen.

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