Herrschaftsarchitektur

Die ersten Monsterbauten waren die ägyptischen Pyramiden, als Grabstätten für die Gottkönige. Im Abendland entstanden Burgen und die christlichen Kathedralen, die Furcht und Ehrfurcht erwecken sollten. Seit 100 Jahren nun bauen Unternehmen, Staaten und Einzelpersonen Hochhäuser und Bürotürme, um zu zeigen, wie mächtig sie sind. Statt Pharao, Gott oder König beten wir das Geld an.

Ein guter Freund fotografiert gern mächtige Bauten und zeigt ihre Gewalt. Der Mensch ist nichts dagegen. Architekt, König, Präsident, Maurer und Tourist: Alle verschwinden sie daneben. Wir sehen die Gewalt einer Idee, einer Ideologie. So viel kann der Mensch bewerkstelligen.

Eine Ebene im Lande Schinar. Menschen entdecken sie, brennen Ziegel und sagen zueinander:

Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns damit einen Namen …

Der Herr kommt herunter auf die Erde und erkennt:

Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen. 

Das ist aus der Bibel und schon sehr prophetisch (Gen 11,1-9). Erzählt wird der Turmbau zu Babel. Indessen zerstreut der Herr die Menschen über die ganze Erde und erschafft die Sprachen.Was die Menschen nicht daran hindert, Tausende Babels zu errichten. Babel heißt Wirrsal.

Hochhaus in Bangkok

Der Ökonom Yazid Sayegh über Ägypten und seinen Präsidenten (al-Qantara, 23. April 2023):

Präsident Al-Sisi setzt auf neue Großvorhaben und gigantische Immobilienprojekte, die auf Menschen mit hohen Einkommen abzielen und folglich größtmögliche Geldbeträge einbringen sollen. 

Dies sei eigentlich nicht mehr finanzierbar, und dennoch pumpen die Golfstaaten und der Westen brav Milliarden nach Ägypten aus der Furcht heraus, nach einer Krise könnten Millionen Migranten Europa heimsuchen.

Ali-Sisis Projekte sind zum Teil gewiss auch Herrschaftsarchitektur, wie man so sagt. Politiker wollen sich gern schon zu Lebzeiten ein Denkmal setzen. Für François Mitterrand,  französischer Staatspräsidenten von 1981 bis 1995, war dies die neue Nationalbibliothek in Paris. Die Kommunisten bauten breite kahle Straßen und Regierungsstätten mit Aufmarschplätzen: Auch da soll dem Menschen gezeigt werden, wie klein und unbedeutend er ist und wie wichtig und mächtig sein Staat und die Idee, die ihn regiert.

US-Präsident Trump will am Weißen Haus einen gigantischen Ballsaal bauen – dort, wo er nur Untermieter ist. Darf er das? Im Juli gab er an, das Projekt werde das Weiße Haus nicht berühren; und plötzlich ist der gesamte Ostflügel abgerissen. Wieder eine dieser Lügen. Und einen Triumphbogen will er in Washington haben. Passt alles, so sind diese Potentaten.

 

 

 

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